Francis Hunger

Von der Tabelle zur Lochkarte

Die Grubenholz-Kubiktabelle (BI-108), herausgegeben 1897 in Berlin, gesetzt in Fraktur und Serifen, besteht aus zwei Spalten zur Beschriftung, jeweils links und rechts außen, sowie acht eng bedruckte innere Spalten, welche die Ergebniswerte in Kubikmeter mit einer Genauigkeit von vier Stellen nach dem Komma enthalten. Laut Wolfgang SchwĂ€rzler (www.wolfgangschwaerzler.de) könnte die Fraktur Ende des 19. Jahrhunderts von Johann Heinrich Geiger gestaltet wurden sein, es kĂ€me jedoch auch die Luthersche Fraktur in Betracht. Möchte ich die Kubikmeterzahl fĂŒr Holz mit einem mittleren Umfang von 10 Zentimetern und einer LĂ€nge von 1,33 m finden, so streift mein Blick in die Zeile, die mit 1,30 beschriftet ist, dann tiefer zur 3, welche die 1,33 anzeigt, und ich erhalte den Wert von 0,0104 Kubikmetern. Ich stelle mir vor, wie Holz- und Grubenarbeiter oder deren Vorarbeiter im Wald stehen, oder am Stollen, und StĂ€mme vermessen, das Heftlein aufschlagen und in der Tabelle nachsehen, ĂŒber wieviele Kubikmeter Holz sie verfĂŒgen. Oder wie im BĂŒro die Anzahl der Kubikmeter pro Stamm nachgeschlagen wird, um diese dann mit der Anzahl der StĂ€mme und dem Preis pro Kubikmeter zu multiplizieren und potentiellen Abnehmern einen Preis offerieren zu können. Vielleicht hilft der Zeigefinger beim Finden der Zeile und beim Merken des Wertes, […]

Lea Sievertsen

Geschichte der stillen SchÀtze

Kisten voller Gold und Silber, Edelsteine oder Schmuck adliger Damen. So stellt man sich vor, was bei Kriegen im Mittelalter neben Macht und Territorien erbeutet werden konnte. Eine besondere Beute aber war diese: eine Truhe voll von wichtigsten Staatsdokumenten. Solch ein Moment, auf den man bei der Recherche nach den UrsprĂŒngen des heutigen Archivs trifft, ist dieser: FrĂ©teval 1194, wo sich die Truppen FrĂ©teval 1194, wo sich die Truppen des Königs von England, Richard Löwenherz, und Philipp Augustus von Frankreichs auf dem Schlachtfeld gegenĂŒberstanden. Philipp, der selbst schon einige Kilometer voraus auf der Flucht war, ließ den gesamten Bestand an französischen Urkunden sowie das königliche Siegel zurĂŒck, sodass Richard eine großartige Beute machen konnte. Dieser entdeckte in den Urkunden den Verrat seines Bruders, und auch Philipp zog eine wichtige Konsequenz aus diesem Verlust. Er schaffte die Tradition des MitfĂŒhrens wichtiger Staatsdokumente ab und richtete einen sicheren Ort in Paris ein, an dem die Dokumente gelagert werden sollten. Diese Entscheidung markiert einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte des Archivs, denn nun mussten die Papiere nicht mehr gemeinsam mit dem König reisen. NatĂŒrlich war dies nicht der Moment, in dem alle Akten Europas sofort in ein Archiv ĂŒberwiesen wurden, dies war ein langsamer Prozess […]

Sarah Fricke

Von der Reliquie zum Event

Um einen Überblick ĂŒber die Geschichte der Sammlung und der Entstehung von Museen zu geben, ist es sinnvoll, mit einer Definition des Sammelns zu beginnen. Krzysztof Pomian gibt diese in dem von ihm verfassten Standardwerk „Der Ursprung des Museums – vom Sammeln“. Eine Sammlung sei jede Zusammenstellung natĂŒrlicher oder kĂŒnstlicher GegenstĂ€nde, „die zeitweise oder endgĂŒltig aus dem Kreislauf ökonomischer AktivitĂ€ten herausgehalten werden, und zwar an einem abgeschlossenen, eigens zu diesem Zweck eingerichteten Ort, an dem die GegenstĂ€nde ausgestellt werden und angesehen werden können“.   Mit der Aufnahme in eine Sammlung erfĂ€hrt ein Objekt eine Wertung im doppelten Sinne: Eine Aufwertung, weil es ĂŒber andere Dinge, die nicht Teil einer Sammlung sind, erhoben wird, eine Umwertung, weil es aus einem Gegenstand des Gebrauchs zu einem der Anschauung wird. Obwohl den Objekten jeglicher Gebrauchswert verloren geht, bleibt ein Tauschwert vorhanden, der hĂ€ufig höher ist als der eines praktischen Gegenstandes. Diesen Wert erklĂ€rt sich Krysztof Pomian im ideellen Wert des Sammelobjekts, das als Kommunikationsmittel zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren fungiere. Das Objekt reprĂ€sentiert somit beispielsweise das Ferne, das Mystische, das Vergangene oder Unbekannte. Diese Funktion als Mittler zwischen zwei Welten haben laut Krzysztof Pomian alle Sammlungsobjekte gemein. Die Reliquien, die als Medium […]

Lisa Petersen

Reklamemarke

Wie wertvoll eine Sammlung ist, hĂ€ngt von ihren Objekten ab. So galt es schon im Mittelalter als besonders erstrebenswert und hoch angesehen, eines der seltenen Einhornhörner sein Eigentum nennen zu können. Ein Exponat, welches von einem so großen Mythos umgeben war, dass selbst naturwissenschaftliche Erkenntnisse zunĂ€chst nicht dessen AuthentizitĂ€t anzweifeln ließen.   Es hieß, dass das Horn eine heilkrĂ€ftigende Wirkung habe. Grund genug aus diesem Becher, hoheitliche SchmuckstĂŒcke oder Medikamente herzustellen. Die wilde und scheue Art des selten vorkommenden Tieres machte die Beschaffung des Horns besonders schwierig und den Besitz umso wertvoller. Im Physiologus, einem anonymen Text der SpĂ€tantike, wurde das Bild geprĂ€gt, dass nur eine Jungfrau das eigensinnige Tier zĂ€hmen könne. Eine Szene, die lange in Illustrationen aufgegriffen wurde.   Die Illustratoren stellten die Existenz des Einhorns in keiner Weise in Frage, sondern festigten mit ihrer Kunst den Glauben an das Fabelwesen in der Gesellschaft. Verschiedene Reiseberichte aus fernen LĂ€ndern sorgten dafĂŒr, dass das Einhorn wiederholt bildlich dargestellt wurde. Letztlich nahmen sogar Verfasser naturkundlicher Werke das Einhorn in ihre Titel auf. Nicht einmal die Wissenschaft zweifelte den Ursprung des Horns mehr an.     Der naturwissenschaftliche Fortschritt fĂŒhrte aber auch zu neuen Kenntnissen ĂŒber andere Lebewesen wie zum Beispiel […]

Anne Sievertsen

Verpackungspapier

Ich erinnere mich an das Jahr 1934, wenn ich dieses Papier in die Hand nehme. Damals war ich fĂŒnf Jahre alt. Ich hatte Scharlach und wurde fĂŒr vier Wochen zur Erholung geschickt. Vater musste auch einige Male zur Erholung und schickte mir von dort immer Post. Deswegen musste ich schnell lernen, ihm Dankesworte zu schicken, und meine Tante Magda, die damals bei uns lebte, ĂŒbte mit mir. Auf der Fahrt in das Erholungsheim lernte ich einen Jungen namens Klaus kennen. Er war in einem anderen Heim, aber auf der Hinfahrt mit dem Zug hat er die ganze Zeit auf mich aufgepasst.   In dem Heim war alles ein bisschen primitiv. Ein großer Schlafraum, ein Klo. WĂ€hrend der vier Wochen Aufenthalt hatte meine Tante mir einmal ein Paket geschickt, da war ein Ball drin. Der war hellblau mit goldenen Sternen, das weiß ich noch ganz genau. Und dann hatte ich damit, ich war ja noch ansteckend und musste immer fĂŒr mich alleine auf dem Balkon bleiben, gespielt und der Ball fiel runter. Ich durfte gemeinsam mit der Erzieherin runtergehen und ihn suchen, aber dann war er weg. Da hatte ihn gleich jemand geschnappt. Eine Nacht war so ein fĂŒrchterlicher Sturm und […]

Prof. Anna Berkenbusch

Rechnungsblock

Beim Stöbern in meiner Alltagsdrucksachensammlung fiel mir neben dem Blatt mit den Gestaltungsrichtlinien fĂŒr die MitteleuropĂ€ische Schlafwagen- und Speisewagen-Aktiengesellschaft von 1986 auch ein kleines graues Blöckchen in die HĂ€nde, ein Mitropa-Rechnungsblock. Winzig im Format, kein Platz fĂŒr ĂŒppige Gelage; grau und rau das Papier, und doch irgendwie fein mit roter Farbe bedruckt. Ob das FundstĂŒck aus dem Speisewagen oder AutobahnraststĂ€tte stammt, kann ich nicht sagen. FĂŒr mich ist der Begriff unabdingbar mit der Transitstrecke von Helmstedt nach Berlin verknĂŒpft; denn hier, nach langen Stunden des Wartens und Dahintuckerns auf holprogen Schlaglöcher-Straßen, gab es dann oft notgedrungen eine Pause in einer der Mitropa-AutobahnspeisegaststĂ€tten in Michendorf oder Magdeburg-Börde.   Hier wurden Speisen mit exotischen Namen wie Soljanka, Borscht oder Schnitzel Zigeunerart serviert, und meistens musste man warten, bis man gesetzt wurde, selbst wenn das Lokal gĂ€hnend leer war. Wagemutige, die sich einfach an einen leeren Tisch setzten, wurden mehr als grob zurechtgewiesen. Oft schĂ€tzen, von welchen UmstĂ€nden eine schnelle oder langsame Bedienung abhing. Die Stimmung wirkete immer etwas gedĂ€mpft, niemand lachte oder sprach laut, alle duckten sich irgendwie weg. Die wenigen DDR-BĂŒrger, die dort aßen, ignorierten wir mit verstohlener Neugier und umgekehrt.       Wenn der Laden komplett leer war, erschien […]

Ferdinand Ulrich

PlastiktĂŒte

Mit Motiven und Logos versehene TĂŒten machen einen beachtlichen Teil alltĂ€glicher Drucksachen aus. Sie sagen etwas ĂŒber unsere Gesellschaft und ihre Kultur aus. Nachdem wir sie ein paar Mal benutzt haben, verschwinden sie meist wieder, indem sie unseren Abfall vermehren. Das vorliegende Exemplar ist mir im FrĂŒhjahr 2012 wĂ€hrend eines Aufenthalts in San Francisco in die HĂ€nde gefallen. Zur Beschaffenheit, Botschaft und grafischen Gestaltung der PlastiktĂŒte einige Anmerkungen:   In einem amerikanischen Supermarkt zur Kasse vorgedrungen, erhĂ€lt der Kunde die berĂŒhmte Frage »plastic or paper«. In die braunen PapiertĂŒten passt deutlich mehr hinein, sie sind belastbar und reißen kaum, haben jedoch keine Henkel, ganz im Gegensatz zu den dĂŒnnen PlastiktĂŒten, die sich fĂŒr den kleinen Einkauf eigenen. Die sogenannten >carryout t-shirt plastic bags< sind mit drei Löchern ausgestattet. Durch diese hĂ€ngen sie auf einer Vorrichtung und werden wue Zettel von einem Notizblock abgerissen (der ganze Stapel hat due Form eines T-Shirts), um zum Beispiel eine Gallone Milch hineinstellen zu können. Das ĂŒbernehmen College-Stunden am Ende der Kasse, die bei Safeway, Giant Eagle und Co. einen Dollar dazuverdienen und schließlich einen »großartigen Tag« wĂŒnschen.     Wie viele kleine Erfindungen des Alltags, so ist auch dieses Produkt in den Vereinigten Staaten […]