Anne Sievertsen

Verpackungspapier

Ich erinnere mich an das Jahr 1934, wenn ich dieses Papier in die Hand nehme. Damals war ich f├╝nf Jahre alt. Ich hatte Scharlach und wurde f├╝r vier Wochen zur Erholung geschickt. Vater musste auch einige Male zur Erholung und schickte mir von dort immer Post. Deswegen musste ich schnell lernen, ihm Dankesworte zu schicken, und meine Tante Magda, die damals bei uns lebte, ├╝bte mit mir. Auf der Fahrt in das Erholungsheim lernte ich einen Jungen namens Klaus kennen. Er war in einem anderen Heim, aber auf der Hinfahrt mit dem Zug hat er die ganze Zeit auf mich aufgepasst.

 

In dem Heim war alles ein bisschen primitiv. Ein gro├čer Schlafraum, ein Klo. W├Ąhrend der vier Wochen Aufenthalt hatte meine Tante mir einmal ein Paket geschickt, da war ein Ball drin. Der war hellblau mit goldenen Sternen, das wei├č ich noch ganz genau. Und dann hatte ich damit, ich war ja noch ansteckend und musste immer f├╝r mich alleine auf dem Balkon bleiben, gespielt und der Ball fiel runter. Ich durfte gemeinsam mit der Erzieherin runtergehen und ihn suchen, aber dann war er weg. Da hatte ihn gleich jemand geschnappt. Eine Nacht war so ein f├╝rchterlicher Sturm und am Strand war sehr viel kaputt gegangen. Unser Heim war direkt hinter einer Mauer und am n├Ąchsten Morgen waren unsere Betten ein ganzes St├╝ck von der Wand wegger├╝ckt. Wir wurden morgens alle wach und guckten uns diese L├╝cke zwischen Bett und Wand an.

 

 

 

 

Ich war mal mit Mutter in Hamburg davor, aber sonst verreisten wir nicht. Nur einmal sind wir mit unserer Nachbarsfrau, sie hatte auch zwei Kinder, mit den R├Ądern nach Flensburg gefahren und dann mit dem Schiff r├╝ber nach Gl├╝cksburg. Das war ein Ereignis zu der Zeit, so weit kam ja fast keiner, Bauernkinder schon gar nicht.

 

Ich bekam w├Ąhrend der Erholung keinen Besuch. Das konnte sich keiner leisten und alle hatten auch zu Hause viel zu viel zu tun, da hatte keiner Zeit dazu, wegen unserem Laden und der Landwirtschaft. Der Vorbau f├╝r unseren Laden war damals aus Holz, es gab eine Veranda und da war ein gro├čer Kanister mit einer Pumpe, in der Petroleum drin war. Da hatten ja noch viele hier keinen Strom und wir belieferten alle. Das brauchten ja alle f├╝r ihre Lampen oder die Laternen in den Kuhst├Ąllen. Es war immer ein Schweinkram, wenn wir auf Tour fuhren mit diesen Kannen, die hatten manchmal nicht so dichte Schrauben und es gab ja noch keine Plastikt├╝ten. Ich erinnere mich an die Anlieferung und an das Pferdegespann. Zwei tolle schwere Pferde mit Messinggeschirr. Ganz wundersch├Ân. Oma gab dem Fahrer immer ein Fr├╝hst├╝ck. Deutsches Beefsteak, eigentlich gebratenes Hackfleisch. Nachher wollte ich das immer zu Weihnachtsabend haben, das muss f├╝r mich etwas ganz Besonderes gewesen sein. Im Laden musste ich erst sp├Ąter mithelfen, so mit 14, aber zuerst waren meine Tante und meine Oma da und deshalb war das nicht n├Âtig. Wir Kinder hier in Westerholz haben viel gespielt, H├╝tten im Holz gebaut und all so Kram. Da fuhren hier noch keine Wagen, wir konnten ├╝berall rumlaufen und keiner musste Angst haben, dass etwas passierte. Das war so viel Freiheit hier.

 

Ich war aber nicht traurig, als ich dann in die Schule musste. Ich hab mich so auf die Schule gefreut. Ich bin mit ganz gro├čen Erwartungen hingegangen und hatte auch immer Lust. Neulich hab ich ein Heft meiner Lehrerin gefunden, die schrieb immer Gedichte oder Geschichten f├╝r uns zum Geburtstag. Das war immer ein Ereignis. Morgens kam sie mit einer kleinen goldenen Glocke. Sie ging durch die Klasse und klingelte bei dem, der Geburtstag hatte, ├╝ber dem Kopf und es wurde ein Lied gesungen. Das verga├č sie nie.

 

Damals war Beiderwandstoff modern, das war ein Webstoff. Er war sch├Ân warm und aus reiner Wolle. Man brauchte hier ja warme Kleidung. Ich hatte einen neuen Tr├Ągerrock gekriegt, der war gr├╝n und schwarz und gelb und wei├č gestreift. Da kam ich einen Tag mit meinem neuen Rock zur Schule und da hatte meine Lehrerin genau den gleichen Rock an. Komisch, dass man sowas Nebens├Ąchliches nicht vergisst. Das muss im ersten Schuljahr gewesen sein.

 

Auch Schreibenlernen war nicht schwierig. Vorher ├╝bte ich mit Tante Magda Buchstaben und auch das ABC konnte ich ganz fr├╝h, sie brachte es mir mit einem Reim bei. Aber den wei├č ich nicht mehr. Tante Magda hat erst sehr sp├Ąt geheiratet und hatte viel Zeit f├╝r mich, als ich ein kleines Kind war. Sie brachte mir auch das Sticken bei. Das N├Ąhgarn gab es bei uns im Laden zu kaufen, es wurde ja damals alles noch von Hand gen├Ąht. Vom G├Âgginger N├Ąhgarn habe ich heute noch die Kisten, die damals in unserem Laden standen, in denen ich Dinge wie Kerzen aufbewahre und einige der alten Garnrollen.

 

 

Dieser Text erschien zuerst in: Berkenbusch, Anna/Fricke, Sarah/Petersen, Lisa/Sievertsen, Lea (Hrsg.): Mitteilungen aus dem Zettelwerk, Halle (Saale) 2015, S.18-19.