Anna Berkenbusch

Den Alltag festhalten

Das Leben wird begleitet von visuellen Artefakten. FĂŒr die Organisation des Alltags benutzen wir Rechnungen, Ausweise und Eintrittskarten, Gebrauchsanweisungen und Kassenbons oft eher unbewusst und nebenbei. Belege werden fĂŒr die Steuer gesammelt, Quittungen heben wir fĂŒr den Umtausch auf und mit dem Reinigungszettel holen wir den Mantel ab.

Die TagebĂŒcher meist Ă€lterer Menschen sind bisweilen gespickt mit Zeitungsausschnitten, Hochzeitseinladungen und Todesanzeigen. Sie dienen als Erinnerungshilfen und belegen, dass irgendetwas genau so, an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit stattgefunden hat: die Hochzeit der Enkelin (Einladung), die Beerdigung des Nachbarn (Traueranzeige), der sechzigste Geburtstag von Tante Gerda (die Speisenfolge oder das Gedicht, das vorgetragen wurde), die Silberhochzeit (die GlĂŒckwunschkarten, die Rechnung der GaststĂ€tte), die Gasexplosion in der Innenstadt (Zeitungsartikel) und so fort.

Ausweise und Formulare definieren die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen wie zum Sportverein oder zu den Pfadfindern. Sie erzĂ€hlen etwas ĂŒber die Sprache einer bestimmten Zeit und ĂŒber den alltĂ€glichen Umgang mit MachtverhĂ€ltnissen, Geschlechterrollen, Moden und gesellschaftlichen Konventionen. Solche Zeitzeugen in NachlĂ€ssen, Fotoalben und TagebĂŒchern scheinen wichtig zu sein, um den Alltag glaubhaft zu beschreiben, persönliche Erfahrungen aus dem Privaten herauszuholen und damit ein StĂŒck Geschichte festzuhalten. Erinnerungen sind Teil der Gegenwart, und je Ă€lter ein Mensch wird, desto mehr spielen die Ereignisse der Vergangenheit eine Rolle; sie helfen in Zeiten der Krise und des Stillstands. Auch junge Menschen erinnern sich an eine tolle Abifahrt oder ein verregnetes Festival im Schlamm anhand von Konzertkarten oder Bierbons.

Warum sollte man den Alltag festhalten wollen? Wieso all diese scheinbar unbedeutenden Zettel aufheben? Viele der alltĂ€glichen Drucksachen werden durch digitale Pendants ersetzt, und mit ihnen verschwinden die Auslöser von Erinnerungen. Ein Archiv fĂŒr visuelle Alltagskultur kann Geschichte erlebbar machen. Anhand gesammelter HintergrunderzĂ€hlungen werden die gedruckten Zeitzeugen im Sinne von Oral History zu einem lebendigen Beitrag der Erinnerungskultur.

Als ich neulich in den noch nicht erfassten Einreichungen des Archivs etwas suchte, fiel mir der Wehrpass des Vaters eines Freundes in die HĂ€nde, auf dem Deckblatt mittig das schwarze Hakenkreuz, innen das Bild eines jungen Soldaten, Erich N. Fast ehrfĂŒrchtig hielt ich diesen Ausweis in den HĂ€nden, zusammen mit einer Suchanzeige, einem Formular, mit dem man nach dem Krieg eine verschwundene Person ausfindig machen konnte. Plötzlich wurde dieser Teil der deutschen Geschichte so greifbar, so nah, viel nĂ€her als durch einen Film oder ein Buch, und ich erinnerte mich an ErzĂ€hlungen meines Vaters aus der Nazizeit. Die BeweisstĂŒcke machen auch Teile der Geschichte anschaulich, an die man sich nicht immer gern erinnert oder von denen man nicht einfach so erzĂ€hlt: Notgeld, Pfandleihscheine, Lebensmittelkarten, Verordnungen, Gefangenschaft, Krieg.

Die HintergrĂŒnde der Exponate, die Informationen der Einreicher*innen zu den einzelnen Artefakten zu erfassen, ist neben der Archivierung der technischen Fakten (in Bezug auf Zeit, Papier, Schrift, Druckverfahren, Sprachduktus et cetera) ein wichtiger Teil der Arbeit im Archiv. Zum einen lohnt es sich, Hintergrundinformationen von Einreicher*innen in Bezug auf Zeugnisse der Oral History wertzuschĂ€tzen; zum anderen sind viele dieser Artefakte gerade auch fĂŒr Designer*innen interessant, da sie durch gestalterische Mittel vom jeweils aktuellen Zeitgeist erzĂ€hlen.

Vor ein paar Jahren grĂŒndete eine Seminargruppe an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle eine Sammlung von Alltagsdrucksachen. Anregung dazu gab ein Besuch bei Michael Twyman im »Archive of Ephemera Studies« der UniversitĂ€t Reading.

Daraus entstand die Bachelor-Abschlussarbeit Zettelwerk, Archiv fĂŒr Alltagsdrucksachen der drei Studentinnen Sarah Fricke, Lisa Petersen, Lea Sievertsen, die dem Archiv den Namen »Zettelwerk« und ein visuelles Erscheinungsbild gaben.

Das Archiv fĂŒr Alltagsdrucksachen hat mittlerweile Eingang gefunden in das Archiv fĂŒr visuelle Alltagskultur, das neben gedruckten Zeitzeugen auch kĂŒnstlerische Auseinandersetzungen mit solchen Kommunikationsmedien sammelt.

Ferdinand P. Ulrich

Ephemera Studies

Das Sammeln, Ordnen und Studieren von Alltagsdrucksachen ist eine vergleichsweise junge Disziplin, angesiedelt an StudiengĂ€ngen, die kaum Ă€lter sind. 1962 erschien mit der Publikation Printed Ephemera. The changing uses of type and letterforms in English and American printing einer der frĂŒhesten BeitrĂ€ge zu diesem Forschungsfeld im englischsprachigen Raum, in dem der Fachbegriff »Ephemera« (vom Griechischen áŒÏ†ÎźÎŒÎ”ÏÎ±, dt. fĂŒr einen Tag, kurzlebig) gelĂ€ufig ist. Herausgeber der Anthologie war der Drucker und Typograf John Lewis (1912–1996), der wĂ€hrend seiner LehrtĂ€tigkeit am Royal College of Art (1951–1963) begann, bis zu 400 Jahre alte Akzidenzen und seltene Schriftproben zu sammeln. Im Fokus seiner Untersuchungen stand die Forschungsfrage, wodurch sich alltĂ€gliche, scheinbar belanglose Zettel von bedeutenden Drucken dieser Zeit unterschieden.

Zu seinen Zeitgenossen, die mit vergleichbaren Sammlungen auf sich aufmerksam machten, zĂ€hlte der Fotograf und Gestalter Maurice Rickards (1919–1998), als Vorreiter gilt der Drucker John Johnson (1882–1956), dessen beachtliche Sammlung in den Bodleian Libraries der University of Oxford zugĂ€nglich ist.[1] Von Rickards stammt die oft zitierte Definition »unbedeutender, vergĂ€nglicher Dokumente des Alltags«.[2] FrĂŒh bemĂŒhte er sich um die Anerkennung des Fachs an akademischen Einrichtungen und begann Mitte der 1970er-Jahre mit der GrĂŒndung der Ephemera Society. 1977 nahm Rickards zudem die Arbeit an dem umfangreichen Werk Encyclopedia of Ephemera auf, deren Fertigstellung er jedoch nicht erlebte. Erst zu Beginn der 1990er-Jahre gelang ihm mit der UnterstĂŒtzung von Michael Twyman die Etablierung einer Stiftung sowie die GrĂŒndung des Centre for Ephemera Studies an der University of Reading in England. Twyman gehört dem Lehrkörper der UniversitĂ€t seit 1959 an und war maßgeblich an der GrĂŒndung des Studiengangs beteiligt, der sich in den 1970er-Jahren zum Institut Typography and Graphic Communication formte â€“ es besteht bis heute unter diesem Namen. In ĂŒber vierzig Jahren schuf das Institut zahlreiche Schnittstellen zur Wissenschaft und entwickelte dazu verschiedene Master-StudiengĂ€nge sowie einen PhD-Abschluss.

Seine Forschungsschwerpunkte fasst das Institut unter dem Leitgedanken »design for reading« zusammen (ein Wortspiel ist nicht beabsichtigt). Am Centre for Information Design Research werden Wissensvermittlung und die Gestaltung komplexer Informationen untersucht. So befasst sich Eric Kindel seit vielen Jahren mit der Bedeutung von ISOTYPE,[3] Sue Walker erforscht dazu im Besonderen das Werk Marie Neuraths, Chris Burke hat viele umfangreiche BeitrĂ€ge ĂŒber Schrift und Typografie in den 1920er-Jahren vorgelegt, Fiona Ross, Alice Savoie und Helena Lekka widmen ihre ForschungsaktivitĂ€ten aktuell dem Projekt Women in type, 1910–90. Twyman, der einen Großteil seiner Lehre und Forschung in die Bedeutung lithografischer Druckverfahren investiert hat, ist bis heute â€“ weit ĂŒber seine Emeritierung hinaus â€“ am Centre of Ephemera Studies aktiv. Durch sein Engagement wurde die Encyclopedia of Ephemera schließlich vervollstĂ€ndigt und veröffentlicht, ein Meilenstein in der jungen Disziplin.[4] Twyman betreut weiterhin die umfangreiche Ephemera-Sammlung am Institut, deren Kern die jeweils 20 000 Artefakte umfassenden NachlĂ€sse von Lewis und Rickards bilden.

FĂŒr internationale Vernetzung und Austausch ist schon jetzt die digitale ZugĂ€nglichkeit zu solchen Sammlungen von großer Bedeutung. Das von Rob Saunders 2015 gegrĂŒndete Letterform Archive in San Francisco hat mit seinem kĂŒrzlich veröffentlichten Online-Archiv gezeigt, wie so eine zeitgenössische Plattform aussehen kann. In der richtigen Mischung aus technischer Ausstattung und wissenschaftlicher Betreuung liegt die Zukunft dieser Einrichtungen.

Veröffentlicht auf Zettelwerk.com, April 2020


[1] Die John Johnson Collection of Printed Ephemera umfasst Anzeigen, Rechnungen, Veranstaltungsprogramme, Speisekarten, Grußkarten, Plakate und Postkarten aus dem 18. bis 20. Jahrhundert, die in ĂŒber 700 Kategorien sortiert sind. Siehe: www.bodleian.ox.ac.uk/johnson.

[2] Übersetzung des englischen Originals »minor transient documents of everyday life«, u. a. erwĂ€hnt im Nachruf auf Rickards von P. Robertson, in The Independent, 20. Februar 1998.

[3] Akronym fĂŒr das von Marie und Otto Neurath ab 1925 entwickelte International System of Typographic Picture Education (ursprĂŒnglich unter dem Namen Wiener Methode der Bildstatistik).

[4] Vgl. Maurice Rickards und Michael Twyman (Hrsg.), Encyclopedia of ephemera. A guide to the fragmentary documents of everyday life for the collector, curator and historian, London und New York 2000

Anna Berkenbusch

Einfach nur Alltagsdinge

Bei der Bergung  des Schiffes, das am 18.4.2015 vor der italienischen KĂŒste im Mittelmeer gefunden wurde, starben fast 950 Menschen [1]. Im Heck fand man eine ZahnbĂŒrste und eine Reisetube Zahnpasta, Fotos, ein Portemonnaie, ein Marienbildnis, Geldscheine, SIM-Karten, eine Schokotörtchen-Packung, eingenĂ€hte Zeugnisse und kleine SĂ€ckchen mit Erde. Alles Hinterlassenschaften der GeflĂŒchteten, die hier ertrunken sind.
Die Bilder des Fotografen Mattia Balsamini aus dem Magazin der SĂŒddeutschen Zeitung im Mai 2019 [2] haben mich sehr beeindruckt. Mehr als alles andere zeigen sie das Drama der Flucht und die dabei ertrunkenen Menschen, die uns durch diese AlltagsgegenstĂ€nde plötzlich so nahe kommen. Die Namen sind weitgehend unbekannt, aber ihre Hinterlassenschaften erzĂ€hlen Geschichten von Hoffnung und Sehnsucht, von Verlust, und auch von Versagen.
Alle diese FundstĂŒcke sind Symbole fĂŒr die Hoffnung auf ein neues Leben in Europa, auf Zugehörigkeit, auf einen friedlichen, normalen Alltag ohne Gewalt.

GegenstĂ€nde, Verpackungen, Ausweise, Zeugnisse usf. geben Auskunft ĂŒber das alltĂ€gliche Zusammenleben der Menschen, sie zeugen von AblĂ€ufen, Umgangsformen und wiederkehrenden Ritualen einer Gesellschaft. Es lohnt sich genauer hinzusehen und die Dinge wertzuschĂ€tzen, die diesen Alltag ausmachen. Oft sind sie lebendigere Zeitzeugen als nĂŒchterne Fakten und Zahlen.

Vor einigen Jahren begrĂŒndete eine kleine Gruppe von Studierenden der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle zusammen mit dem Designer Ferdinand Ulrich im Rahmen meines Editorial Seminars eine Sammlung von Alltagsdrucksachen. Inspiriert vom Archive of Ephemera Studies von Michael Twyman in Reading bei London begannen die Studierenden deutschsprachige Druckerzeugnisse aus den letzten 100 Jahren zu sammeln.
FĂŒr mich, die ich seit vielen Jahren solche Belege, die den Alltag organisieren und begleiten, aufhebe, war es eine willkommene Gelegenheit hier meine persönliche Sammlung einzubringen.
Interessant sind vor allem die Geschichten hinter den Einreichungen, die Fundorte, die Zeit, die UmstĂ€nde des Fundes und des Gebrauchs. Es wurden erste Einreicherformulare entwickelt, Archivboxen fĂŒr eine angemessene Lagerung angeschafft und zunĂ€chst vor allem im persönlichen Umfeld geforscht.

Die Sammlung wuchs und schnell fanden sich drei Studentinnen, die dieser Sammlung ihr Abschluss-Projekt widmen wollten. Im Rahmen einer Bachelor-Arbeit entstand aus der Sammlung das Zettelwerk, Archiv fĂŒr Alltagsdrucksachen.
Das Archiv bekam ein schlĂŒssiges Erscheinungsbild, eine InternetprĂ€senz, eine BroschĂŒre mit Miszellen, Postkarten und Plakate sowie professionelle Formulare fĂŒr die Einreichungen und die Archivierung.
Das Archiv war in der Vergangenheit mehrfach Thema in Lehrveranstaltungen: Exponate wurden auf Schrift, Produktionsart und Sprache analysiert.

Die Sammlung enthÀlt derzeit an die 6000 Objekte verschiedener Kategorien, wie z.B. Ausweise, Werbung, Gebrauchsanweisungen etc. und die Zahl der Einreichungen wÀchst stetig weiter.

Aus der Sammlung soll nun im nĂ€chsten Schritt das Archiv fĂŒr visuelle Alltagskultur entstehen; hier können auch andere Kommunikationsmedien gesammelt und archiviert werden, z.B. Verpackungen, Spiele, Filme, bzw. auch digitale Einreichungen, die allesamt langsam aus unserem Alltag verschwinden. Auch kĂŒnstlerische Arbeiten, die sich mit alltĂ€glicher Kommunikation beschĂ€ftigen und unseren Umgang damit reflektieren, finden im Archiv ihren Platz (wie z. B. die Masterarbeit von Lina Herschel: Tage ohne Lisa).

Das Archiv ist eine in Deutschland einzigartige Einrichtung, derzeit angesiedelt in der Bibliothek der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, ein Ort, an dem die Sammlung zu Studien- und Forschungszwecken fĂŒr Studierende und Externe nach Absprache zugĂ€nglich ist. Die Arbeit ist work in progress, Studierende, Ehrenamtliche und Interessierte beschĂ€ftigen sich mit der Sammlung; finanzielle Mittel sind knapp. Eine langfristige UnterstĂŒtzung des Archivs, die eine bessere Sichtbarkeit der FundstĂŒcke auch ĂŒber den Kunsthochschulkontext hinaus ermöglicht, wĂ€re dem Projekt zu wĂŒnschen.
Das Archiv ist ein spannender Ort, an dem sich Geschichte auf eine besondere Art durch sichtbare konkrete Objekte erschließt, mit interessanten, manchmal auch traurigen und dramatischen ErzĂ€hlungen hinter den Dingen.

Veröffentlicht Januar 2020.

[1] Zu der Zahl gibt es in verschiedenen Medien unterschiedliche Angaben.

[2] »Was von ertrunkenen FlĂŒchtlingen bleibt«, Margherita Bettoni und Lara Fritzsche; Fotoreportage »Von ganz unten«,  Mattia Balsamini, SĂŒddeutsche Zeitung Magazin Nr. 20/2019, 16. Mai 2019

Francis Hunger

Von der Tabelle zur Lochkarte

Die Grubenholz-Kubiktabelle (BI-108), herausgegeben 1897 in Berlin, gesetzt in Fraktur und Serifen, besteht aus zwei Spalten zur Beschriftung, jeweils links und rechts außen, sowie acht eng bedruckte innere Spalten, welche die Ergebniswerte in Kubikmeter mit einer Genauigkeit von vier Stellen nach dem Komma enthalten. Laut Wolfgang SchwĂ€rzler (www.wolfgangschwaerzler.de) könnte die Fraktur Ende des 19. Jahrhunderts von Johann Heinrich Geiger gestaltet wurden sein, es kĂ€me jedoch auch die Luthersche Fraktur in Betracht. Möchte ich die Kubikmeterzahl fĂŒr Holz mit einem mittleren Umfang von 10 Zentimetern und einer LĂ€nge von 1,33 m finden, so streift mein Blick in die Zeile, die mit 1,30 beschriftet ist, dann tiefer zur 3, welche die 1,33 anzeigt, und ich erhalte den Wert von 0,0104 Kubikmetern. Ich stelle mir vor, wie Holz- und Grubenarbeiter oder deren Vorarbeiter im Wald stehen, oder am Stollen, und StĂ€mme vermessen, das Heftlein aufschlagen und in der Tabelle nachsehen, ĂŒber wieviele Kubikmeter Holz sie verfĂŒgen. Oder wie im BĂŒro die Anzahl der Kubikmeter pro Stamm nachgeschlagen wird, um diese dann mit der Anzahl der StĂ€mme und dem Preis pro Kubikmeter zu multiplizieren und potentiellen Abnehmern einen Preis offerieren zu können. Vielleicht hilft der Zeigefinger beim Finden der Zeile und beim Merken des Wertes, denn dazu ist die Tabelle im Unterschied zum Diagramm besonders geeignet: zum Auffinden einzelner Werte bei gleichzeitigem Überblick ĂŒber die Gesamtheit.

Wahrscheinlich ist, dass der Wert, da er als Ausgangswert diente, in weitere Tabellen ĂŒbertragen wurde, um Folgeergebnisse zu berechnen. An dieser Stelle wird bereits die immense Bedeutung der Tabelle deutlich, als Werkzeug »zwischen Anschauung und Denken« (KrĂ€mer 2012), als Kulturtechnik. Ihre Verwendung reicht mindestens bis 2500 vor unserer Zeitrechnung zurĂŒck, wo sie bei den Assyrern nachgewiesen ist, zur AufzĂ€hlung des Inventares des Königreiches: KĂŒhe, Schafe, Menschen. Aus dieser Auf-ZĂ€hlung der BesitztĂŒmer des Königs in tabellarischer Form wird die Er-ZĂ€hlung; aus der Auf-Schreibung wird die Geschichts-Schreibung.

Es gilt, sich zu vergegenwĂ€rtigen, welcher Gegenstand abwesend ist und die Anwesenheit der Tabelle unabdingbar macht: der Taschenrechner. Mit dessen Aufkommen verringerte sich die Notwendigkeit gedruckter mathematischer Tabellen, denn nunmehr konnten von jederfrau und jedermann die benötigten Ergebnisse ad hoc, im Moment ihrer Notwendigkeit berechnet werden. Die Tabelle wurde nicht ĂŒberflĂŒssig, es verlagerte sich nur ihr Verwendungsbereich und Ihr Werkzeugcharakter verstĂ€rkte sich. Im Zuge der raumgreifenden Algorithmisierung der Welt tritt sie uns heute in Form von Programmen zur Tabellenkalkulation, in jeder Datenbank, und in vielfachen Visualisierungen entgegen.

Wir sehen sie so oft, dass wir sie nicht mehr sehen. Vor unseren Augen ist die Tabelle magisch transparent. Dies macht sich im gestalterischen Alltag bemerkbar: HochgeschĂ€tzte Kolleg*innen, die mit Verve und viel Detail hochspannend ĂŒber Buchgestaltung, Typografie oder Schriftgestaltung diskutieren können, haben zur Tabelle wenig zu sagen. SolitĂ€re Publikationen wie Tufte (1983) und Few (2012) widmen sich ihr nĂ€her.

Der Schmutzumschlag der Grubenholz Kubiktabelle verkĂŒndet, dass Herr E. Behm, seines Zeichens »Geheimer expedierender SekretĂ€r und Kalkulator im königlich preußischen Ministerium fĂŒr Landwirtschaft, DomĂ€nen und Forsten« deren Berechnung verantwortet. Wochenlang hatte Behm im BĂŒro gesessen und jeden einzelnen der 320 Werte pro Seite berechnet. Zur Sicherheit rechnete er zweimal, oder ĂŒberprĂŒfte die Werte mit Hilfe der Differenzmethode, welche Charles Babbage als Grundlage seiner Difference Engine ĂŒbernahm. Ein Schriftsetzer fĂŒllte, geĂŒbt in den Setzkasten greifend, Zeile fĂŒr Zeile mit Ziffern und ĂŒberließ die Andrucke Herrn Behm zur Korrektur, der wiederum jeden einzelnen Wert erneut kontrollierte, bevor das Werk in Druck gehen konnte. Das Fließband im Kopf des E. Behm liefert die Vorlage fĂŒr mechanische Rechenmaschinen, die ab den 1940er Jahren elektronisch realisiert werden.

Um den elektronischen Rechnern, welche die menschlichen ersetzen, Daten zuzufĂŒhren, bediente man sich bis in die 1980er Jahre der Lochkarte, die dem damaligen Standard durch IBM entsprechend, ebenfalls in der Sammlung des Zettelwerkes vorliegt (SO–106). Die NiedersĂ€chsische Forstverwaltung erfasst mit ihrer Hilfe in tabellarisch gedrĂ€ngter Form Daten wie Holzart, Menge und so weiter, und machte sie jener maschinellen Berechnung verfĂŒgbar, die zu Zeiten des Geheimrats Behm noch nicht existierte. Der Medientheoretiker Markus Krajewski hat argumentiert, dass die Tabelle die Daten durch rĂ€umliche Verteilung in Formation bringt, sie werden In-Formation. Durch eine Besonderheit ist die vorliegende Lochkarte fĂŒr Menschen und fĂŒr Maschinen lesbar: aufgedruckte Kategorisierungen formatieren und in-formieren dem menschlichen Auge durch RaumverhĂ€ltnisse die BedeutungsverhĂ€ltnisse, und formatisieren durch maschinell auslesbare Ausstanzungen die Computerwirklichkeit, indem ein elektronischer Kontakt schließen und den Wert 1 und dessen Unterbrechung durch Papier den Wert 0 signalisieren kann.

Beide Dokumente, die Grubenholz-Kubiktabelle und die Lochkarte der NiedersĂ€chsischen Forstverwaltung sind Zeugen der langen Digitalisierung, die ihren Ausgang in der Erfindung rĂ€umlich organisierter hieroglyphischer Zeichen haben, noch vor dem Entstehen der Schrift und des Fließtextes hat.

Behm, E: Grubenholz-Kubiktabelle. Berlin: Julius Springer Verlag 1897 (Zettelwerk BI-108).
Lochkarte zur digitalen Erfassung der Landesforstverwaltung (Zettelwerk SO-106)
Few, Stephen: Show me the numbers. Analytics Press 2012.
Krajewski, Markus: Paper Machines – about Cards & Catalogs, 1548-1929. Cambridge, Mass: MIT Press 2011.
KrĂ€mer, Sybille: „Zwischen Anschauung und Denken – Zur epistemologischen Bedeutung des Graphismus“, in: Bromand, Joachim (Hrsg.): Was sich nicht sagen lĂ€sst. Das Nicht-Begriffliche in Wissenschaft, Kunst und Religion, Berlin: Akademie Verlag 2010, S. 173–192.
Veröffentlicht auf Zettelwerk.com, 10. Oktober 2018
Lea Sievertsen

Geschichte der stillen SchÀtze

Kisten voller Gold und Silber, Edelsteine oder Schmuck adliger Damen. So stellt man sich vor, was bei Kriegen im Mittelalter neben Macht und Territorien erbeutet werden konnte. Eine besondere Beute aber war diese: eine Truhe voll von wichtigsten Staatsdokumenten. Solch ein Moment, auf den man bei der Recherche nach den UrsprĂŒngen des heutigen Archivs trifft, ist dieser: FrĂ©teval 1194, wo sich die Truppen FrĂ©teval 1194, wo sich die Truppen des Königs von England, Richard Löwenherz, und Philipp Augustus von Frankreichs auf dem Schlachtfeld gegenĂŒberstanden. Philipp, der selbst schon einige Kilometer voraus auf der Flucht war, ließ den gesamten Bestand an französischen Urkunden sowie das königliche Siegel zurĂŒck, sodass Richard eine großartige Beute machen konnte. Dieser entdeckte in den Urkunden den Verrat seines Bruders, und auch Philipp zog eine wichtige Konsequenz aus diesem Verlust. Er schaffte die Tradition des MitfĂŒhrens wichtiger Staatsdokumente ab und richtete einen sicheren Ort in Paris ein, an dem die Dokumente gelagert werden sollten. Diese Entscheidung markiert einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte des Archivs, denn nun mussten die Papiere nicht mehr gemeinsam mit dem König reisen. NatĂŒrlich war dies nicht der Moment, in dem alle Akten Europas sofort in ein Archiv ĂŒberwiesen wurden, dies war ein langsamer Prozess und auch einige Hundert Jahre spĂ€ter kam es noch zu FĂ€llen, in denen wichtigste Dokumente unterwegs zerstört, verloren oder zurĂŒckgelassen wurden.

Andererseits fĂŒhrte die spĂ€tere Sesshaftigkeit des Archivs immer wieder zu Konflikten aller Art. In Deutschland kam es zu Erbteilungen in den verschiedenen FĂŒrstentĂŒmern oder HerzogtĂŒmern. Hiervon waren nicht nur die LĂ€ndereien betroffen, sondern sĂ€mtliche BesitztĂŒmer, zu denen auch die Dokumente des Archivs gehörten. So wurden Archive immer wieder auseinandergenommen und aufgeteilt, teilweise ohne jeden Sinn, was zu einer großen Unordnung und fehlender Systematik in den BestĂ€nden fĂŒhrte. Gab es Dokumente, die nicht verteilt werden konnten, da sie doch fĂŒr die ganze Familie zu bedeutend erschienen, wurden gemeinschaftliche Archive eingerichtet, ĂŒber die mit großer Vorsicht gewacht wurde.

Die ernestinischen HerzogtĂŒmer, die im 15. Jahrhundert das damalige Sachsen regierten, hatten beispielsweise nicht einmal hundert Jahre nach ihrer Entstehung 1486 ihre Gebiete untereinander so stark aufgeteilt, dass es teilweise bis zu zehn TeilherzogtĂŒmer gab. Das gemeinsame Archiv, das die Familie sich in Weimar teilte, hatte fĂŒr jedes Herzogtum ein Schloss an der ArchivtĂŒr und diese konnte nur geöffnet werden, wenn alle SchlĂŒssel vor Ort waren. Das Misstrauen unter den einzelnen Familienmitgliedern und der Wert des Archivs als Machtsymbol waren groß.

Der Vorgang des Archivierens ist etwas, das schon mindestens seit der Antike Bestandteil menschlicher Kulturen ist, das Sammeln als solches reicht bekanntlich noch viel weiter zurĂŒck. Wichtig ist aber, das die Handlung des Archivierens, also das Ordnen, Organisieren und Aufbewahren von SchriftstĂŒcken, schon wesentlich lĂ€nger Bestandteil der Kulturgeschichte ist als das Archiv im Sinne des Ortes oder GebĂ€udes. Mit der stĂ€rker werdenden Verschriftlichung der europĂ€ischen Gesellschaft gewinnt auch das Archiv an Bedeutung. Nicht nur, dass das Reisen mit Dokumenten gefĂ€hrlich war, es wurde auch immer schwieriger, der Masse an Dokumenten Herr zu werden. Der Umgang mit Dokumenten wurde zu einem Bestandteil des alltĂ€glichen Lebens, und alle wichtigen VorgĂ€nge, vor allem Staat, Gesetz und Kirche betreffend, wurden schriftlich fixiert. Dass originale SchriftstĂŒcke so wertvoll waren, dass sie aufgehoben werden mussten – zur Geschichtsschreibung, aber vor allem zur Sicherung und als Beweis juristischer VorgĂ€nge, von VertrĂ€gen oder sozialen Beziehungen – ist eine Idee, die sich bis in die gegenwĂ€rtige Kultur durchgesetzt hat. Wie wichtig ist es heute fĂŒr jeden Einzelnen, Dokumente wie die Geburtsurkunde, Zeugnisse oder Finanzunterlagen sorgfĂ€ltig im eigenen Aktenordner aufzubewahren.

Neben den Dokumenten, die den Menschen wertvoll und aufbewahrungswĂŒrdig erschienen, wurden auch andere Papierformen geschaffen, die nur fĂŒr einen kurzen Gebrauch bestimmt und nicht dafĂŒr gedacht waren, in die Archive zu gelangen. Dinge wie Notizzettel oder Besorgungslisten wanderten in den MĂŒll, machten aber doch einen wichtigen Teil der damaligen wie der heutigen Schriftkultur aus. Es lĂ€sst sich hier also festhalten, dass nicht jedes Schriftdokument automatisch einen Wert hatte und die Geschichte der Textdokumente nicht unbedingt mit der des Archivs einhergeht. Das jeweilige Ablagesystem oder Platzmangel konnten ebenfalls die Auswahl an Archivalien beeinflussen.Vieles lĂ€sst sich gerade an den LĂŒcken, die durch diese Art der Selektion entstanden, ĂŒber die Kultur und die Menschen ablesen.

Trotzdem wurde die Zahl der aufzubewahrenden Dokumente ab dem 12. Jahrhundert immer grĂ¶ĂŸer. Bei juristischen Prozessen wurde nicht mehr nur das Urteil festgehalten, sondern auch nach und nach jeder Einzelschritt dokumentiert. TatbestĂ€nde, Urteile oder die AblĂ€ufe von Entscheidungsprozessen mussten fixiert werden, um so dauerhaft zur Erinnerung und Einsicht zur VerfĂŒgung zu stehen und GĂŒltigkeit zu bewahren. Dass die Erfindung des Papiers zu diesem Zeitpunkt Europa erreichte, trug nicht unerheblich zu dieser „Explosion von Schriftlichkeit“  bei. Nicht nur die Verwendung von Dokumenten verĂ€nderte sich, es war auch der Umgang der Menschen mit diesen. Schriftlichkeit wurde zu einem Vertrauensbeweis. Rechenschaft ĂŒber Entscheidungen abzulegen und diese festzuhalten, verĂ€nderte sogar die Form des Regierens. Reine MachtausĂŒbung wurde zum kontrollierten Herrschen. Die Gesellschaft entwickelte den Hang, alles zu protokollieren und durch das Festhalten auf Papier zu kontrollieren. So kritisierte noch in den 1960ern der kanadische Philosoph Marshall McLuhan, dass der Mensch sich durch die Verschriftlichung der Gesellschaft zu sehr von seinen intuitiven FĂ€higkeiten distanziere und seine visuelle Wahrnehmung nicht mehr hinterfrage.

Das Archiv als Ort des Festhaltens, des Wissens und der Erinnerung ist immer in VerĂ€nderung und Bewegung. Es bedarf stĂ€ndiger Sorgfalt und Pflege und einer Person, die sich der Ordnung (oder der Unordnung) annimmt und den Überblick behĂ€lt. Archive sind keine natĂŒrlichen Prozesse, es wird immer jemand benötigt, der ermöglicht, dass sie ihrer Funktion entsprechend nutzbar sind.

Archivare waren bis mindestens in das 14. Jahrhundert Personen, die die Verantwortung fĂŒr das Archiv neben anderen Berufen ausĂŒbten, sodass das Archivieren eher eine Art der NebentĂ€tigkeit war. Mit zunehmender GrĂ¶ĂŸe und Institutionalisierung der Archive wurde hier aber auch erkannt, dass man eine Person benötigte, die sich in System und Logik der sortierten Dokumente auskannte und diese pflegte. Ein Archivar musste vertrauenswĂŒrdig und loyal sein und hĂ€ufig kam es zu Problemen bei der Personenwahl, denn die Verwaltung der Dokumente war eine Ă€ußerst wichtige Angelegenheit. Ein guter Umgang mit Schrift und ein gewisser Bildungsgrad waren vorausgesetzt, musste ein Archivar doch in den alten Schriften lesen können, um geeignete Akten herauszusuchen, sollten diese zum Beispiel bei juristischen Entscheidungen gefordert sein. Wenn man in diesem Bereich eine Begabung mitbrachte, konnte man in der Gesellschaft aufsteigen und auf eine gute Bezahlung hoffen, denn fĂŒr die Arbeitgeber war man von grĂ¶ĂŸtem Nutzen. Im Kontrast dazu schaffte aber beispielsweise der französischen Hof um 1700 auf der Suche nach neuen Geldquellen die Möglichkeit fĂŒr gut situierte BĂŒrger, sich nach Belieben ein Staatsamt zu kaufen. Dadurch ging auch die FĂŒhrung eines Archivs hĂ€ufig nicht damit einher, dass eine besonders qualifizierte Person in dieser Position zu finden war. Dieses Vorgehen fĂŒhrte zu Chaos in den Archiven, denn die AusfĂŒhrung der Aufgaben wurde nicht unbedingt verantwortungsvoll oder mit großem Interesse verfolgt.

Auch war das Ansehen des Berufs in der frĂŒhen Neuzeit nicht unbedingt entsprechend seiner Wichtigkeit und Verantwortung. Die Vorstellung eines einsamen Mannes im GewĂŒhl tausender alter Papiere schien den meisten Leuten wohl als zutreffendes Bild des Archivalltags. Auch heute noch ist der Beruf verknĂŒpft mit der Vorstellung von einer zurĂŒckgezogenen und etwas schrulligen Person. Archivare sind aber nicht nur mit der Sortierung von Akten beschĂ€ftigt, sondern tragen auch als Gelehrte einen großen Dienst zu Geschichtsschreibung und Wissenschaft bei. Wenn sie nicht selbst als Historiker tĂ€tig sind, so unterstĂŒtzen sie diese bei der Recherchearbeit mit den richtigen Dokumenten.

Dieses ideale Bild der Zusammenarbeit trifft und traf natĂŒrlich nicht immer zu. Es lassen sich viele Geschichten ĂŒber Schwierigkeiten beim Benutzen von Archiven finden. Bis in das 19. Jahrhundert war es, vor allem fĂŒr Historiker, Ă€ußerst kompliziert, den Zugang zu Archiven gewĂ€hrt zu bekommen. Niemand wusste ĂŒber alle Akten, die sich im eigenen Archiv befanden, genau Bescheid, und dieser Überraschungseffekt hatte schon zu mehr oder weniger erwĂŒnschten Entdeckungen gefĂŒhrt. Aus Angst vor diesen zufĂ€lligen Funden wurde das Erlangen der Zugangserlaubnis hĂ€ufig zu einer mĂŒhsamen und schwierigen Angelegenheit. Besuche mussten Jahre im Voraus geplant, Erkundigungen ĂŒber die BestĂ€nde eingeholt und soziale Beziehungen ausgenutzt werden. Sogar Bestechung und TĂ€uschung waren ĂŒbliche Verfahren, um sich Zugang zu verschaffen. Besonders ambitionierte Historiker legten sich falsche IdentitĂ€ten zu, um ihre Forschungen vorantreiben zu können. Auch die Benutzung selbst konnte durch versteckte Verzeichnisse oder unmögliche ArbeitsplĂ€tze in den kleinsten und dunkelsten RĂ€umen erschwert werden.

FĂŒr die Arbeit des Historikers aber war das Archiv als Quelle unumgĂ€nglich, denn zu dieser Zeit war die NĂ€he zum Original etwas, auf das man sich bei seiner Forschung vertrauensvoll berufen konnte, und welche das Ansehen der eigenen Theorien enorm verstĂ€rkte.

Eine Sichtweise, die damals schon unter einigen Historikern umstritten war, denn inwiefern die Dokumente wirklich wahrheitsgemĂ€ĂŸ und korrekt ĂŒber UmstĂ€nde der Vergangenheit berichteten, wurde stark diskutiert, und die auf archivalischer Arbeit basierende Geschichtsschreibung befand sich in der Kritik.

Auch nach der Demokratisierung der Archive durch die französischen Revolution, wĂ€hrend der sie zu staatlichen Institutionen fĂŒr die Öffentlichkeit wurden, bleibt diese Kritik bis heute bestehen. Foucault versteht 1969 unter dem Begriff des Archivs nicht mehr die TĂ€tigkeit des Sammelns oder Aufbewahrens von Dokumenten, sondern den Rahmen oder die Bedingung fĂŒr historische Aussagen. Archive sind seiner Idee nach Systeme fĂŒr das, was in einer Kultur gesagt werden durfte, und gleichzeitig auch fĂŒr das, was nicht erwĂ€hnt werden sollte.

Archive sind immer gleichzeitig Orte der Geschichte und der Zukunft. Nie kann man genau wissen, welche Dokumente von Nutzen sein können und wie sich ihr Wert verĂ€ndern wird. Etwas, das heute als unbrauchbar oder ĂŒberflĂŒssig erscheint, könnte in 100 Jahren von großem Wert fĂŒr den Nutzer sein. Je nach Gebrauch des Archivs tun sich immer wieder neue Möglichkeiten fĂŒr Suchkriterien oder zur Erforschung auf. Sie mĂŒssen flexibel bleiben und sich durch immer wieder neue Interessen ihrer Umwelt verĂ€ndern. Die BestĂ€nde können auch in Zukunft noch zu ungeahnten SchĂ€tzen werden.

Dieser Text erschien zuerst in: Berkenbusch, Anna/Fricke, Sarah/Petersen, Lisa/Sievertsen, Lea (Hrsg.): Mitteilungen aus dem Zettelwerk, Halle (Saale) 2015, S.22-24.
Sarah Fricke

Von der Reliquie zum Event

Um einen Überblick ĂŒber die Geschichte der Sammlung und der Entstehung von Museen zu geben, ist es sinnvoll, mit einer Definition des Sammelns zu beginnen. Krzysztof Pomian gibt diese in dem von ihm verfassten Standardwerk „Der Ursprung des Museums – vom Sammeln“. Eine Sammlung sei jede Zusammenstellung natĂŒrlicher oder kĂŒnstlicher GegenstĂ€nde, „die zeitweise oder endgĂŒltig aus dem Kreislauf ökonomischer AktivitĂ€ten herausgehalten werden, und zwar an einem abgeschlossenen, eigens zu diesem Zweck eingerichteten Ort, an dem die GegenstĂ€nde ausgestellt werden und angesehen werden können“.

Mit der Aufnahme in eine Sammlung erfĂ€hrt ein Objekt eine Wertung im doppelten Sinne: Eine Aufwertung, weil es ĂŒber andere Dinge, die nicht Teil einer Sammlung sind, erhoben wird, eine Umwertung, weil es aus einem Gegenstand des Gebrauchs zu einem der Anschauung wird. Obwohl den Objekten jeglicher Gebrauchswert verloren geht, bleibt ein Tauschwert vorhanden, der hĂ€ufig höher ist als der eines praktischen Gegenstandes. Diesen Wert erklĂ€rt sich Krysztof Pomian im ideellen Wert des Sammelobjekts, das als Kommunikationsmittel zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren fungiere. Das Objekt reprĂ€sentiert somit beispielsweise das Ferne, das Mystische, das Vergangene oder Unbekannte. Diese Funktion als Mittler zwischen zwei Welten haben laut Krzysztof Pomian alle Sammlungsobjekte gemein. Die Reliquien, die als Medium zwischen der irdischen und der göttlichen Welt dienen, Kunstwerke, die den Betrachter an einem vergangenen Moment oder der Phantasie eines KĂŒnstlers teilhaben lassen, oder Exotika, die als Zeugnisse einer anderen Kultur Ferne reprĂ€sentieren.

Anke te Heesen sieht in der Sammlung mehr als einen Ort der Visualisierung der Objekte, da die Sammlung stets auch eine soziale Funktion gehabt und Machtbestrebungen gedient habe. Die prestigeverleihende Eigenschaft einer Sammlung zeigt sich in mehreren Aspekten. Zum einen bedarf es eines finanziellen Überschusses, um GegenstĂ€nde dem ökonomischen Kreislauf zu entziehen, zum anderen zeugen Sammlungen von Geschmack, der intellektuellen Neugier und dem Forschungsdrang ihres Besitzers.

Die ersten Sammlungen befanden sich im Besitz religiöser Institutionen und der staatlichen Obrigkeiten. Im antiken Griechenland waren das die Sammlungen, die durch Opfergaben in den Tempeln entstanden, und in Rom, die durch Kriegsbeute zusammengetragenen SchĂ€tze der römischen Kaiser. Im Mittelalter war es die christliche Kirche, die durch die Verbreitung des Heiligenkults den blĂŒhenden Handel mit Reliquien auslöste. Den Reliquien – Körperteile beziehungsweise GegenstĂ€nde, die in BerĂŒhrung mit einer Gestalt aus der Geschichte der Heiligen gekommen waren – wurden heilende und schĂŒtzende KrĂ€fte nachgesagt. DarĂŒber hinaus heiligten sie den Ort, an dem sie sich befanden, und sorgten fĂŒr den Beistand der Heiligen. Kirchen und Klöster, aber auch Adelige beteiligten sich an der Jagd nach Reliquien, die nach den KreuzzĂŒgen und dem erleichterten Zugang zum Nahen Osten einen Höhepunkt fand. In eigens zu ihrer Verwahrung gefertigten Schreinen wurden sie bei religiösen Zeremonien ausgestellt oder auf Prozessionen mitgefĂŒhrt. Die GlĂ€ubigen reisten oft von weit her, um durch die BerĂŒhrung des Reliquienschreins eine Heilwirkung, Linderung oder Wohlergehen zu erfahren. Doch nicht nur Reliquien waren begehrte SammlungsstĂŒcke, auch kostbare GefĂ€ĂŸe, Juwelen und Objekte sagenhafter Herkunft – GegenstĂ€nde, die die Schönheit Gottes Schöpfung widerspiegelten – wurden durch KirchenfĂŒrsten, KardinĂ€le, Bischöfe, Äbte  und  Adelige gesammelt.

FĂŒr die Ausdehnung der SammeltĂ€tigkeit im 16. Jahrhundert waren mehrere Faktoren ausschlaggebend. Mit der Entdeckung und der Erforschung neuer Kontinente machte sich ein Forschungsgeist breit, der aus dem Schatten der Lehre antiker Schriften trat. Die Entdeckung der neuen Welt hatte viele Fragen aufgeworfen, auf die die alten Schriften keine Antworten zu geben wussten, und technische Neuerungen im Bereich des Buchdrucks und des Schiffbaus hatten den Austausch von Waren und Informationen erleichtert. Durch die Erschließung neuer Kolonien und neuer Handelsrouten hatten es im 16. Jahrhundert einige Staaten, unter ihnen Venedig und die Niederlande, zu beachtlichem Reichtum gebracht. Ein finanzieller Überschuss, der eine wichtige Voraussetzung fĂŒr das AufblĂŒhen der Sammelkultur darstellte, hatte sich in einigen Gesellschaftsschichten gebildet. Nun waren es nicht nur der Klerus und Adel, die private Sammlungen anlegten, sondern auch die Gelehrten und die wohlhabende Patriziergesellschaft. Das private KuriositĂ€tenkabinett, in dem Naturalia, RaritĂ€ten und Exotika – Boten einer fernen Welt – dargeboten wurden, gehörte fĂŒr den gebildeten Patrizier der Renaissance bald zum guten Ton. Interesse fanden gerade die Objekte, die in der aktuellen Ordnung der Welt noch keinen Platz gefunden hatten: Einhörner, Drachen und anderes Kurioses, „deren mögliche Existenz anzunehmen Ausweis von Wissenschaftlichkeit war“. Sammlungsobjekte aus Kunst und Wissenschaft, Exotika, AntiquitĂ€ten und Naturalia wurden Kennzeichen einer sozialen Zugehörigkeit und fĂŒr die Machthabenden Symbole ihrer Überlegenheit.

Eine weitere zeitgeschichtliche Komponente spielte eine Rolle bei der Bildung privater Sammlungen: War das mittelalterliche, christliche Denken auf das Leben nach dem Tod gerichtet gewesen, fand im 16. Jahrhundert eine Hinwendung zum Diesseitigen statt. Kunst und Literatur thematisierten die VergĂ€nglichkeit aller Dinge. In Vanitas-Stillleben wurden drapierte GegenstĂ€nde durch Sinnbilder der Endlichkeit ergĂ€nzt – Sanduhren, TotenschĂ€del und erloschene Kerzen. Die Fokussierung auf das irdische Leben legitimierte das Sammeln als Ausdruck praktischer Theologie – die Suche nach dem Göttlichen in seiner irdischen Schöpfung. Die Sammlung beinhaltete auch den Wunsch ihres Besitzers nach einem StĂŒck individueller Ewigkeit. Dem gleichen Wunsch folgend, gaben FĂŒrsten und StaatsoberhĂ€upter Bilder in Auftrag, die ihre Heldentaten fĂŒr die Nachwelt sichtbar machen sollten und in Sammlungen aufbewahrt wurden.

Bis ins 17. Jahrhundert hinein, existierten Sammlungen meist nur im Privaten. Ihr Zugang beschrĂ€nkte sich auf eine bestimmte Gruppe der Bevölkerung, dem Großteil der Öffentlichkeit blieb er jedoch verschlossen. Eine Ausnahme bildeten lediglich die kirchlichen Sammlungen. Es waren die Mitglieder des BĂŒrgertums, die im 17. und 18. Jahrhundert begannen Druck auszuĂŒben und die die Entstehung erster öffentlicher Bibliotheken, im 18. Jahrhundert auch öffentlich zugĂ€nglicher Museen erwirkten.

Ein Wandel im Sammlungswesen wurde mit dem Einsetzen der AufklĂ€rung und dem Aufstieg der Akademien spĂŒrbar. Hatten die chaotischen und universellen Sammlungen des 16. und 17. Jahrhunderts versucht, die Grenzen des Wissens in Frage zu stellen, so hatten die Sammlungen des 18. Jahrhunderts einen wissenschaftlich systematisierten Ansatz, der genaue Kategorisierung und Ordnung vorsah. Dinge sollten entsprechend ihrer hierarchischen Stellung oder zeitlichen Abfolge geordnet werden. Sammlungen spezialisierten sich zunehmend auf Teilgebiete und setzten sich eine umfassende Klassifizierung der Natur und Kunst zum Ziel, die jedem Objekt seinen Platz im System zuweisen sollte. Innerhalb von 200 Jahren waren die chaotischen Wunderkammern, in denen MonstrositĂ€ten und Mythen ihren Platz gefunden hatten, einer Wissenschaftlichkeit und Systematik gewichen, welche die Annahme illustrierte, dass nichts mehr außerhalb des menschlichen Verstandes lag.

Im 19. Jahrhundert wurden Museen und Sammlungen zu festen kulturellen Institutionen, die zunehmend einen erzieherischen und volksbildenden Charakter erhielten. Museen wurden zu einem politischen Instrument, das es der Regierung erlaubte, die nationale Geschichte in ein glorreiches Licht zu rĂŒcken oder neu zu schreiben. Nationalmuseen veranschaulichten die Traditionen und Volkskultur eines Landes, das sich nicht selten selbst an die evolutionĂ€re Spitze stellte – „die Nation (
) bringt sich selbst eine permanente Huldigung dar, indem sie ihre Vergangenheit (
) feiert“.

Welche Bedeutung Museen und Sammlungen zum Ende des 20. und Beginn des 21. Jahrhunderts haben, zeigt sich an ihrer derzeitigen Beliebtheit. Heute kommt ihnen nicht mehr  nur eine bildende und aufklĂ€rende Funktion zu, vielmehr erlangen die Ausstellungen zunehmend den  Charakter eines Events. Gefragt sind sogenannte Blockbuster, deren Bedeutung an der LĂ€nge der Besucherschlangen gemessen wird. Vor diesem Hintergrund ist es erfreulich, dass sich daneben eine Museums- und Ausstellungskultur bilden konnte, die sich gesellschaftlicher Fragen, regionaler Besonderheiten, spezieller Kunstrichtungen und der Vielfalt kultureller Alltagserscheinungen widmet, sodass jenseits der großen Besucher- und Geldströme ein Diskurs ĂŒber den gesellschafts- und bildungspolitischen Stellenwert von Ausstellungen eröffnet wurde.

Dieser Text erschien zuerst in: Berkenbusch, Anna/Fricke, Sarah/Petersen, Lisa/Sievertsen, Lea (Hrsg.): Mitteilungen aus dem Zettelwerk, Halle (Saale) 2015, S.25-27.
Lisa Petersen

Reklamemarke

Wie wertvoll eine Sammlung ist, hĂ€ngt von ihren Objekten ab. So galt es schon im Mittelalter als besonders erstrebenswert und hoch angesehen, eines der seltenen Einhornhörner sein Eigentum nennen zu können. Ein Exponat, welches von einem so großen Mythos umgeben war, dass selbst naturwissenschaftliche Erkenntnisse zunĂ€chst nicht dessen AuthentizitĂ€t anzweifeln ließen.

Es hieß, dass das Horn eine heilkrĂ€ftigende Wirkung habe. Grund genug aus diesem Becher, hoheitliche SchmuckstĂŒcke oder Medikamente herzustellen. Die wilde und scheue Art des selten vorkommenden Tieres machte die Beschaffung des Horns besonders schwierig und den Besitz umso wertvoller. Im Physiologus, einem anonymen Text der SpĂ€tantike, wurde das Bild geprĂ€gt, dass nur eine Jungfrau das eigensinnige Tier zĂ€hmen könne. Eine Szene, die lange in Illustrationen aufgegriffen wurde.

Die Illustratoren stellten die Existenz des Einhorns in keiner Weise in Frage, sondern festigten mit ihrer Kunst den Glauben an das Fabelwesen in der Gesellschaft. Verschiedene Reiseberichte aus fernen LĂ€ndern sorgten dafĂŒr, dass das Einhorn wiederholt bildlich dargestellt wurde. Letztlich nahmen sogar Verfasser naturkundlicher Werke das Einhorn in ihre Titel auf. Nicht einmal die Wissenschaft zweifelte den Ursprung des Horns mehr an.

Der naturwissenschaftliche Fortschritt fĂŒhrte aber auch zu neuen Kenntnissen ĂŒber andere Lebewesen wie zum Beispiel den Narwal, der als gehörnter Fisch bekannt wurde. Ein spiralförmiges Horn zierte seinen Kopf. Eine Verbindung zwischen diesem und der in den Sammlungen vorhandenen Hörnern des Einhorns wurde dabei ĂŒbersehen. Beide Tiere erhielten ihre absolute Berechtigung in zoologischen Publikationen und wurden sogar in gemeinsamen Kategorien erwĂ€hnt.

Als schließlich der Grönlandexperte Ole Wurm einen Narwalzahn mitbrachte und somit ein direkter Vergleich mit den vermeintlichen Einhörnern stattfinden konnte, wurde zum ersten Mal die Existenz des Tieres widerlegt. Eine Erkenntnis, welche aber keinesfalls sofortige öffentliche Zustimmung fand. Man wollte den Mythos um das wundersame Tier nicht einfach aufgeben. Auch ein spĂ€terer Knochenfund bei Quedlinburg wurde als Beweis eines einst real existierenden, aber schon ausgestorbenen Wesens gedeutet, dem Einhorn. Unter Sammlern waren die Fossilien direkt begehrt. Im Jahr 1758 veröffentlichte Carl von LinnĂ© die erste wissenschaftliche Beschreibung des Narwals. Der Bericht klĂ€rte die wahre Herkunft des Einhorns und rĂ€umte mit den Mythen auf. Dem Horn wurde seine heilkrĂ€ftigende Wirkung abgesprochen und das Exponat als Sammlerobjekt verlor an Wert und Einzigartigkeit. Man kann vermuten, dass gerade deswegen so lange an dem Mythos um die Existenz des Einhorns festgehalten wurde, schließlich war der Wert der eigenen Sammlung in Gefahr.

Dennoch ist der Wunsch nach dem Glauben an das Einhorn, auch nachdem die Wahrheit ans Licht kam, nicht ganz verschwunden. Es erlebt eine Wiedergeburt im modernen Zeitgeist. In jedem Spielzeugladen gehört es zum festen Bestandteil des Sortiments, aus MĂ€rchen und Fantasygeschichten ist es nicht wegzudenken. In Filmen und Comics wird es zur Hauptfigur oder flimmert uns auf den Bildschirmen entgegen – singend, glitzernd und auf einem bunten Regenbogen galoppierend.

 

Helas, Philine: Der „See-Einhorn-Fisch“. Ein Tier zwischen Legende und Naturwissenschaft, in: Assoziationsraum Wunderkammer, Halle 2015

 

Dieser Text erschien zuerst in: Berkenbusch, Anna/Fricke, Sarah/Petersen, Lisa/Sievertsen, Lea (Hrsg.): Mitteilungen aus dem Zettelwerk, Halle (Saale) 2015, S.44-45.
Anne Sievertsen

Verpackungspapier

Ich erinnere mich an das Jahr 1934, wenn ich dieses Papier in die Hand nehme. Damals war ich fĂŒnf Jahre alt. Ich hatte Scharlach und wurde fĂŒr vier Wochen zur Erholung geschickt. Vater musste auch einige Male zur Erholung und schickte mir von dort immer Post. Deswegen musste ich schnell lernen, ihm Dankesworte zu schicken, und meine Tante Magda, die damals bei uns lebte, ĂŒbte mit mir. Auf der Fahrt in das Erholungsheim lernte ich einen Jungen namens Klaus kennen. Er war in einem anderen Heim, aber auf der Hinfahrt mit dem Zug hat er die ganze Zeit auf mich aufgepasst.

In dem Heim war alles ein bisschen primitiv. Ein großer Schlafraum, ein Klo. WĂ€hrend der vier Wochen Aufenthalt hatte meine Tante mir einmal ein Paket geschickt, da war ein Ball drin. Der war hellblau mit goldenen Sternen, das weiß ich noch ganz genau. Und dann hatte ich damit, ich war ja noch ansteckend und musste immer fĂŒr mich alleine auf dem Balkon bleiben, gespielt und der Ball fiel runter. Ich durfte gemeinsam mit der Erzieherin runtergehen und ihn suchen, aber dann war er weg. Da hatte ihn gleich jemand geschnappt. Eine Nacht war so ein fĂŒrchterlicher Sturm und am Strand war sehr viel kaputt gegangen. Unser Heim war direkt hinter einer Mauer und am nĂ€chsten Morgen waren unsere Betten ein ganzes StĂŒck von der Wand weggerĂŒckt. Wir wurden morgens alle wach und guckten uns diese LĂŒcke zwischen Bett und Wand an.

Ich war mal mit Mutter in Hamburg davor, aber sonst verreisten wir nicht. Nur einmal sind wir mit unserer Nachbarsfrau, sie hatte auch zwei Kinder, mit den RĂ€dern nach Flensburg gefahren und dann mit dem Schiff rĂŒber nach GlĂŒcksburg. Das war ein Ereignis zu der Zeit, so weit kam ja fast keiner, Bauernkinder schon gar nicht.

Ich bekam wĂ€hrend der Erholung keinen Besuch. Das konnte sich keiner leisten und alle hatten auch zu Hause viel zu viel zu tun, da hatte keiner Zeit dazu, wegen unserem Laden und der Landwirtschaft. Der Vorbau fĂŒr unseren Laden war damals aus Holz, es gab eine Veranda und da war ein großer Kanister mit einer Pumpe, in der Petroleum drin war. Da hatten ja noch viele hier keinen Strom und wir belieferten alle. Das brauchten ja alle fĂŒr ihre Lampen oder die Laternen in den KuhstĂ€llen. Es war immer ein Schweinkram, wenn wir auf Tour fuhren mit diesen Kannen, die hatten manchmal nicht so dichte Schrauben und es gab ja noch keine PlastiktĂŒten. Ich erinnere mich an die Anlieferung und an das Pferdegespann. Zwei tolle schwere Pferde mit Messinggeschirr. Ganz wunderschön. Oma gab dem Fahrer immer ein FrĂŒhstĂŒck. Deutsches Beefsteak, eigentlich gebratenes Hackfleisch. Nachher wollte ich das immer zu Weihnachtsabend haben, das muss fĂŒr mich etwas ganz Besonderes gewesen sein. Im Laden musste ich erst spĂ€ter mithelfen, so mit 14, aber zuerst waren meine Tante und meine Oma da und deshalb war das nicht nötig. Wir Kinder hier in Westerholz haben viel gespielt, HĂŒtten im Holz gebaut und all so Kram. Da fuhren hier noch keine Wagen, wir konnten ĂŒberall rumlaufen und keiner musste Angst haben, dass etwas passierte. Das war so viel Freiheit hier.

Ich war aber nicht traurig, als ich dann in die Schule musste. Ich hab mich so auf die Schule gefreut. Ich bin mit ganz großen Erwartungen hingegangen und hatte auch immer Lust. Neulich hab ich ein Heft meiner Lehrerin gefunden, die schrieb immer Gedichte oder Geschichten fĂŒr uns zum Geburtstag. Das war immer ein Ereignis. Morgens kam sie mit einer kleinen goldenen Glocke. Sie ging durch die Klasse und klingelte bei dem, der Geburtstag hatte, ĂŒber dem Kopf und es wurde ein Lied gesungen. Das vergaß sie nie.

Damals war Beiderwandstoff modern, das war ein Webstoff. Er war schön warm und aus reiner Wolle. Man brauchte hier ja warme Kleidung. Ich hatte einen neuen TrĂ€gerrock gekriegt, der war grĂŒn und schwarz und gelb und weiß gestreift. Da kam ich einen Tag mit meinem neuen Rock zur Schule und da hatte meine Lehrerin genau den gleichen Rock an. Komisch, dass man sowas NebensĂ€chliches nicht vergisst. Das muss im ersten Schuljahr gewesen sein.

Auch Schreibenlernen war nicht schwierig. Vorher ĂŒbte ich mit Tante Magda Buchstaben und auch das ABC konnte ich ganz frĂŒh, sie brachte es mir mit einem Reim bei. Aber den weiß ich nicht mehr. Tante Magda hat erst sehr spĂ€t geheiratet und hatte viel Zeit fĂŒr mich, als ich ein kleines Kind war. Sie brachte mir auch das Sticken bei. Das NĂ€hgarn gab es bei uns im Laden zu kaufen, es wurde ja damals alles noch von Hand genĂ€ht. Vom Gögginger NĂ€hgarn habe ich heute noch die Kisten, die damals in unserem Laden standen, in denen ich Dinge wie Kerzen aufbewahre und einige der alten Garnrollen.

Dieser Text erschien zuerst in: Berkenbusch, Anna/Fricke, Sarah/Petersen, Lisa/Sievertsen, Lea (Hrsg.): Mitteilungen aus dem Zettelwerk, Halle (Saale) 2015, S.18-19.
Prof. Anna Berkenbusch

Rechnungsblock

Beim Stöbern in meiner Alltagsdrucksachensammlung fiel mir neben dem Blatt mit den Gestaltungsrichtlinien fĂŒr die MitteleuropĂ€ische Schlafwagen- und Speisewagen-Aktiengesellschaft von 1986 auch ein kleines graues Blöckchen in die HĂ€nde, ein Mitropa-Rechnungsblock. Winzig im Format, kein Platz fĂŒr ĂŒppige Gelage; grau und rau das Papier, und doch irgendwie fein mit roter Farbe bedruckt. Ob das FundstĂŒck aus dem Speisewagen oder AutobahnraststĂ€tte stammt, kann ich nicht sagen. FĂŒr mich ist der Begriff unabdingbar mit der Transitstrecke von Helmstedt nach Berlin verknĂŒpft; denn hier, nach langen Stunden des Wartens und Dahintuckerns auf holprogen Schlaglöcher-Straßen, gab es dann oft notgedrungen eine Pause in einer der Mitropa-AutobahnspeisegaststĂ€tten in Michendorf oder Magdeburg-Börde.

Hier wurden Speisen mit exotischen Namen wie Soljanka, Borscht oder Schnitzel Zigeunerart serviert, und meistens musste man warten, bis man gesetzt wurde, selbst wenn das Lokal gĂ€hnend leer war. Wagemutige, die sich einfach an einen leeren Tisch setzten, wurden mehr als grob zurechtgewiesen. Oft schĂ€tzen, von welchen UmstĂ€nden eine schnelle oder langsame Bedienung abhing. Die Stimmung wirkete immer etwas gedĂ€mpft, niemand lachte oder sprach laut, alle duckten sich irgendwie weg. Die wenigen DDR-BĂŒrger, die dort aßen, ignorierten wir mit verstohlener Neugier und umgekehrt.

Wenn der Laden komplett leer war, erschien mir die AtmosphĂ€re am dĂŒstersten und meistens fĂŒhlten wir uns seltsam erleichtert, wenn wir nach dem Essen wieder im Auto saßen. Ich war jung, mit Freunden auf dem Weg nach Berlin, und wusste nicht viel ĂŒber die DDR. Aber ein merkwĂŒrdiges GefĂŒhl ist heute noch fĂŒr mich mit der Erinnerung an die Mitropa-GaststĂ€tten verbunden: eine diffuse Mischung aus Abenteuer und Bedrohung, mit der man sich die Ein- und Ausreise nach Berlien verdienen musste. Im Mitropa-Speisewagen saß ich damals nicht oft, aber ich erinnere mich die dunkelroten Waggons, das Mitropa-Geschirr und die Verpackungen, die nach dem Corporate Design der Mitropa gestaltet waren und mittlerweile leidenschaftlich gesammelt werden. Heute weiß ich, dass es die Mitropa schon seit 1916 gab und dass es sich folglich gar nicht um eine DDR-Marke handelte. Neben den Autobahnrestaurants gab es viele weitere Gastronomieunternehmungen (wie die Bewirtschaftung von Hotels, Kiosken, Schiffen, Bahngasthöfen), darĂŒber hinaus sogar Mitropa-Frisöre und Reinigungsbrigaden.

Auf dem eingangs erwĂ€hnten Blatt ĂŒber die Anwendungsmöglichkeiten der Marke wurden festgelegt, dass das Zeichen in den Farben »Rot UM 103 und Gelb UM 113 lt Uniset-Farbmischblock« mit verschiedenen Outlines, auch negativ in schwarzen Balken oder in roter FlĂ€che, angewendet werden drufte. Das Bildzeichen der Mitropa, das auf dem kleinen Block gar nicht auftaucht, hat hier ein Rad mit sechs Speichen und stattdes ursprĂŒnglichen Adlers (mit Schwingen in Form eines Versal-M) nur das große M in der Mitte. Das zeichen wurde nach dem zweiten Weltkrieg modifiziert und ohne Adlerkopf ĂŒber dem M weitergefĂŒhrt. Das vierspeichige Rad unter dem M bekam noch weitere Speichen, damit es auch nicht im Entferntesten an ein Hakenkreuz erinnert.

Ein an die Mitropa-Schrift angelehnter Font, die FF Pulman, wurde 1997 von Johannes Erler digitalisiert und ist bei Fontshop erschienen; die ursprĂŒngliche Schrift stammte von Karl Schulpig, der auch der Gestalter der Bildmarke war. Auf dem Blatt zur visuellen Erscheinung der Mitropa heisst es u.a. auch: »Die Richtlinie wendet sich nicht nur an jene, die in der Werbung und Öffentlichkeit tĂ€tig sind, oder an Mitarbeiter, die durch ihren tĂ€glichen Kontakt mit den GĂ€sten und Reisenden wesentlich zur Rufbildung des Betriebes beitragen«.

Wahrscheinlich lag dem strengen Service-Personal in den Mitropa-AutobahnrastgaststĂ€ttem damals noch keine Richtlinie ĂŒber kundenfreundliches Verhalten vor. Die Rufbildung entsteht eben doch nicht nur durch ein kleines feines Mitropa-Blöckchen mit einer interessanten Schrift.

 

Albert MĂŒhl: 75 Jahre Mitropa - Die Geschichte der MitteleuropĂ€ischen Schlafwagen- und Speisewagen Aktiengesellschaft, Freiburg 1992

Johannes Plass/Heinrich Paravinci: Wer war eigentlich Karl Schulpig? Über die Entwicklung der Bildmarken, in: Jahresheft des ADC: Sushi 6, Mainz 2004, www.mitropa-freunde.de
Dieser Text erschien zuerst in: Berkenbusch, Anna/Fricke, Sarah/Petersen, Lisa/Sievertsen, Lea (Hrsg.): Mitteilungen aus dem Zettelwerk, Halle (Saale) 2015, S.40-41.
Ferdinand Ulrich

PlastiktĂŒte

Mit Motiven und Logos versehene TĂŒten machen einen beachtlichen Teil alltĂ€glicher Drucksachen aus. Sie sagen etwas ĂŒber unsere Gesellschaft und ihre Kultur aus. Nachdem wir sie ein paar Mal benutzt haben, verschwinden sie meist wieder, indem sie unseren Abfall vermehren. Das vorliegende Exemplar ist mir im FrĂŒhjahr 2012 wĂ€hrend eines Aufenthalts in San Francisco in die HĂ€nde gefallen. Zur Beschaffenheit, Botschaft und grafischen Gestaltung der PlastiktĂŒte einige Anmerkungen:

In einem amerikanischen Supermarkt zur Kasse vorgedrungen, erhĂ€lt der Kunde die berĂŒhmte Frage »plastic or paper«. In die braunen PapiertĂŒten passt deutlich mehr hinein, sie sind belastbar und reißen kaum, haben jedoch keine Henkel, ganz im Gegensatz zu den dĂŒnnen PlastiktĂŒten, die sich fĂŒr den kleinen Einkauf eigenen. Die sogenannten >carryout t-shirt plastic bags< sind mit drei Löchern ausgestattet. Durch diese hĂ€ngen sie auf einer Vorrichtung und werden wue Zettel von einem Notizblock abgerissen (der ganze Stapel hat due Form eines T-Shirts), um zum Beispiel eine Gallone Milch hineinstellen zu können. Das ĂŒbernehmen College-Stunden am Ende der Kasse, die bei Safeway, Giant Eagle und Co. einen Dollar dazuverdienen und schließlich einen »großartigen Tag« wĂŒnschen.

Wie viele kleine Erfindungen des Alltags, so ist auch dieses Produkt in den Vereinigten Staaten gleich mehrfach patentiert. Der Verpackungshersteller Sonoco Products Co. in South Carolina hat 1994 eine Kreation der Erfinder Beasley, Fletcher und Wilfong unter dem KĂŒrzel US 5335788 A eintragen lassen: »A plurality of stacked t-shirt type hight density polyethylene film bagy releasably adhered together.« (1)

Advance Polybag, Inc., einer der großen TĂŒtenhersteller der Vereinigten Staaten, versichert mit einem auf dem Patent beruhendem Design, dass sich Touch-N-Go nennt: »Makes check-out a smoother experience.« (2) Das Produkt sei ein Fliegengewichtaber krĂ€ftig, wiederverwendbar und angeblich eunendlich oft »recyclebar«, was schwer vorstellbar ist. Die TĂŒte besteht aus HDPE (high-density polyethylene, Kunststoffidentifikationscode >2<), eine Thermoplastikstoff der Petroleum gewonnen wird und auch bei herkömmlicheer 3D-Drucker-faser zum Einsatz kommt. Beim nĂ€chsten Einkauf also doch lieber eine PapiertĂŒte.

Die Botschaft auf der TĂŒte erkennen wir an den Reden amerikanischer Politiker wieder, insbesondere den prĂ€sidialen Ansprachen zur Lage der Union (State of the Union Address). God bless Ameica ist ursprĂŒnglich der Titel eines patriotischen Liedes des Musikers Irving Berlin (eigentlich Israel Isidore Berlin) 1918 geschirben und zwanzig Jahre spĂ€ter bearbeitet. Die bekannteste Version wurde von Akte Smith gesunden, wobei das Lied bis heute immer wieder neu aufgelegt wird. Es hat sich zu einer zweiten (inoffiziellen) Nationalhymne entwickelt. Im April 1979 war Richard Nixon der erste PrĂ€sident das Zitat nachweislich in seine Rede einbaute. (3).

Zum Höhepunkt der Watergate-AffĂ€re bat er das amerikanische Volk: »I ask for your prayers to help me in everything I do throughout the days of my presidency« und fĂŒgte anschließend die berĂŒhmten Worte hinzu. Reagan nutzte sie, und besonders hĂ€ufig haben wir sie von Georg W. Bush in Erinnerung – doch auch sein Nachfolger steht ihm in dieser Hinsicht in nichts nach.

Bei den >Stars and Stripes< hat der Grafiker ganz offensichtlich geschlafen oder nicht genau hingesehen. Die mittels Flexodruck (ein Hochdruckverfahren mit Rollenrotation) aufgetragene Welle in der wehenden Fahne ist missglĂŒckt, sie Ă€hnelt eher einem HĂŒgel und die Falten sind sehr unsauber gezeichnet. Vom Schriftzug ganz zu schweigen, wobei die Schriftwahl vielleicht gar nicht so ungewöhnlich ist. Es handelt sich hierbei um die ITC Zapf Chancery Medium Italic von 1979. In dem langen Nahmen stecken einige Informationen.

Mit dem Fotosatz, der die Lettern aus Blei ablöste und seit den 1960er Jahren immer grĂ¶ĂŸere Verbreitung fand, wurde das FĂ€lschen von Schriften ein Kinderspiel. Eine Fotokamera reichte aus, um ein Alphabet festzuhalten und daraus einen neuen Schriftzug zu generieren, ohne jedoch dafĂŒr zu zahlen. Besonders betroffen von dieser Form der Piraterie war der deutsche Schriftentwerfer Hermann Zapf. Einige Jahre zuvor hatter er sich aus dem Business zurĂŒckgezogen und nur noch AuftrĂ€ge fĂŒr Exklusivschriften entgegengenommen. Die Regierung der Vereinigten Staaten half nicht beim Copyright-Schutz von Schriften, Namen ließen sich jedoch als Marken registrieren. (4) So entwickelte der New Yorker Schriftenbetrieb International Typeface Corporation ein ausgeklĂŒgeltes System: ihre registrierten Schriftnamen setzten sich aus dem KĂŒrzel der Firma (ITC), oft auch dem Namen des Schriftentwerfers (Zapf) und dem eigentlichen Namen der Schrift (Chancery) zusammen. Chancery leitet sich in diesem Kontext aus einer berĂŒhmten kalligrafischen Handschrift der Renaissance ab: cancellaresca.

In der berĂŒhmten ITC-Hauszeitschrift Upper and lower case (U&lc, dt. Groß- und Kleinbuchstaben), widmete man sich der ITC Zapf Chancery im Jahr ihres Erscheinens einen Artikel samt einer achtseitigen Schriftmusterstrecke. Die EinfĂŒhrung Pow! Bam! Zapf! stammt vom bedeutenden amerikanischen Grafikdesigner, Schriftgestalter, ITC-GrĂŒnder und U&lc-Herausgeber Herb F. Lubalin. In seiner Lobeshymne auf die Schrift schreibt Lubalin in ĂŒberschwĂ€nglicher Sprache: »Hermann Zapf […] has designed what ITC believes to be an effective chancery script, showing itself through Zapf’s virtuosity to be more capable of becoming a universally recognized hand than, perhabs, any other.« (5)

Erkannt und auserwĂ€hlt hat zumindest Steve Jobs die ITC Zapf Chancery – genau genommen den halbfetten Schnitt kursiv, medium italic – als 1985 eine Handvoll Schriften fĂŒr den Apple LaserWriter zusammenstellte. SpĂ€testens seit seiner Rede auf der Stanford-Abschlussfeier 2005 wissen wir, dass Jobs’ Teilnahme an einem Collegekurs in Kalligrafie ihn dazu bewog, den ersten Mac mit zahlreichen Schriften auszustatten.

Als Systemschrift fand >Chancery< schneller Verbreitung und galt als generische Vertreterin fĂŒr eine >kalligrafische Lösung<. Aus der achtseitigen Schriftmusterstrecke zur ITC Zapf Chancery in der U&lc-Ausgabe sei noch eine fiktive Anwendung erwĂ€hnt: Visitenkarten und Briefkopf fĂŒr ein Unternehmen mit einem besonderen GeschĂ€ftsmodell: »Spezialising in flags«.

(1) www.google.com/patents/US5335788 (23.6.2015)
(2) Advance Polybag, Inc: www.apicorp.com, (28.6.2015)
(3) Billy Hallowell: The history behind U.S. presidents using 'God Bless America' in official speeches, 2014 veröffentlicht auf: www.theblaze.com (23.6.2015)
(4) Jerry Kelly: About more alphabets, The types of Hermann Zapf, New York 2011, S.55
(5) Herb Lubalin: Pow! Bam! Zapf! or, how to get the most out of ITC Zapf Chancery, in: Upper and lower case. The International journal of typographics, Ausg. 6, Nr. 2, New York 1979, S.36
Dieser Text erschien zuerst in: Berkenbusch, Anna/Fricke, Sarah/Petersen, Lisa/Sievertsen, Lea (Hrsg.): Mitteilungen aus dem Zettelwerk, Halle (Saale) 2015, S.46-49.