Anna Berkenbusch

Den Alltag festhalten

Das Leben wird begleitet von visuellen Artefakten. FĂŒr die Organisation des Alltags benutzen wir Rechnungen, Ausweise und Eintrittskarten, Gebrauchsanweisungen und Kassenbons oft eher unbewusst und nebenbei. Belege werden fĂŒr die Steuer gesammelt, Quittungen heben wir fĂŒr den Umtausch auf und mit dem Reinigungszettel holen wir den Mantel ab. Die TagebĂŒcher meist Ă€lterer Menschen sind bisweilen gespickt mit Zeitungsausschnitten, Hochzeitseinladungen und Todesanzeigen. Sie dienen als Erinnerungshilfen und belegen, dass irgendetwas genau so, an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit stattgefunden hat: die Hochzeit der Enkelin (Einladung), die Beerdigung des Nachbarn (Traueranzeige), der sechzigste Geburtstag von Tante Gerda (die Speisenfolge oder das Gedicht, das vorgetragen wurde), die Silberhochzeit (die GlĂŒckwunschkarten, die Rechnung der GaststĂ€tte), die Gasexplosion in der Innenstadt (Zeitungsartikel) und so fort. Ausweise und Formulare definieren die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen wie zum Sportverein oder zu den Pfadfindern. Sie erzĂ€hlen etwas ĂŒber die Sprache einer bestimmten Zeit und ĂŒber den alltĂ€glichen Umgang mit MachtverhĂ€ltnissen, Geschlechterrollen, Moden und gesellschaftlichen Konventionen. Solche Zeitzeugen in NachlĂ€ssen, Fotoalben und TagebĂŒchern scheinen wichtig zu sein, um den Alltag glaubhaft zu beschreiben, persönliche Erfahrungen aus dem Privaten herauszuholen und damit ein StĂŒck Geschichte festzuhalten. Erinnerungen sind Teil der Gegenwart, und je Ă€lter ein Mensch wird, […]

Ferdinand P. Ulrich

Ephemera Studies

Das Sammeln, Ordnen und Studieren von Alltagsdrucksachen ist eine vergleichsweise junge Disziplin, angesiedelt an StudiengĂ€ngen, die kaum Ă€lter sind. 1962 erschien mit der Publikation Printed Ephemera. The changing uses of type and letterforms in English and American printing einer der frĂŒhesten BeitrĂ€ge zu diesem Forschungsfeld im englischsprachigen Raum, in dem der Fachbegriff »Ephemera« (vom Griechischen áŒÏ†ÎźÎŒÎ”ÏÎ±, dt. fĂŒr einen Tag, kurzlebig) gelĂ€ufig ist. Herausgeber der Anthologie war der Drucker und Typograf John Lewis (1912–1996), der wĂ€hrend seiner LehrtĂ€tigkeit am Royal College of Art (1951–1963) begann, bis zu 400 Jahre alte Akzidenzen und seltene Schriftproben zu sammeln. Im Fokus seiner Untersuchungen stand die Forschungsfrage, wodurch sich alltĂ€gliche, scheinbar belanglose Zettel von bedeutenden Drucken dieser Zeit unterschieden. Zu seinen Zeitgenossen, die mit vergleichbaren Sammlungen auf sich aufmerksam machten, zĂ€hlte der Fotograf und Gestalter Maurice Rickards (1919–1998), als Vorreiter gilt der Drucker John Johnson (1882–1956), dessen beachtliche Sammlung in den Bodleian Libraries der University of Oxford zugĂ€nglich ist.[1] Von Rickards stammt die oft zitierte Definition »unbedeutender, vergĂ€nglicher Dokumente des Alltags«.[2] FrĂŒh bemĂŒhte er sich um die Anerkennung des Fachs an akademischen Einrichtungen und begann Mitte der 1970er-Jahre mit der GrĂŒndung der Ephemera Society. 1977 nahm Rickards zudem die Arbeit an dem umfangreichen Werk […]

Anna Berkenbusch

Einfach nur Alltagsdinge

Bei der Bergung  des Schiffes, das am 18.4.2015 vor der italienischen KĂŒste im Mittelmeer gefunden wurde, starben fast 950 Menschen [1]. Im Heck fand man eine ZahnbĂŒrste und eine Reisetube Zahnpasta, Fotos, ein Portemonnaie, ein Marienbildnis, Geldscheine, SIM-Karten, eine Schokotörtchen-Packung, eingenĂ€hte Zeugnisse und kleine SĂ€ckchen mit Erde. Alles Hinterlassenschaften der GeflĂŒchteten, die hier ertrunken sind.Die Bilder des Fotografen Mattia Balsamini aus dem Magazin der SĂŒddeutschen Zeitung im Mai 2019 [2] haben mich sehr beeindruckt. Mehr als alles andere zeigen sie das Drama der Flucht und die dabei ertrunkenen Menschen, die uns durch diese AlltagsgegenstĂ€nde plötzlich so nahe kommen. Die Namen sind weitgehend unbekannt, aber ihre Hinterlassenschaften erzĂ€hlen Geschichten von Hoffnung und Sehnsucht, von Verlust, und auch von Versagen.Alle diese FundstĂŒcke sind Symbole fĂŒr die Hoffnung auf ein neues Leben in Europa, auf Zugehörigkeit, auf einen friedlichen, normalen Alltag ohne Gewalt. GegenstĂ€nde, Verpackungen, Ausweise, Zeugnisse usf. geben Auskunft ĂŒber das alltĂ€gliche Zusammenleben der Menschen, sie zeugen von AblĂ€ufen, Umgangsformen und wiederkehrenden Ritualen einer Gesellschaft. Es lohnt sich genauer hinzusehen und die Dinge wertzuschĂ€tzen, die diesen Alltag ausmachen. Oft sind sie lebendigere Zeitzeugen als nĂŒchterne Fakten und Zahlen. Vor einigen Jahren begrĂŒndete eine kleine Gruppe von Studierenden der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle […]

Francis Hunger

Von der Tabelle zur Lochkarte

Die Grubenholz-Kubiktabelle (BI-108), herausgegeben 1897 in Berlin, gesetzt in Fraktur und Serifen, besteht aus zwei Spalten zur Beschriftung, jeweils links und rechts außen, sowie acht eng bedruckte innere Spalten, welche die Ergebniswerte in Kubikmeter mit einer Genauigkeit von vier Stellen nach dem Komma enthalten. Laut Wolfgang SchwĂ€rzler (www.wolfgangschwaerzler.de) könnte die Fraktur Ende des 19. Jahrhunderts von Johann Heinrich Geiger gestaltet wurden sein, es kĂ€me jedoch auch die Luthersche Fraktur in Betracht. Möchte ich die Kubikmeterzahl fĂŒr Holz mit einem mittleren Umfang von 10 Zentimetern und einer LĂ€nge von 1,33 m finden, so streift mein Blick in die Zeile, die mit 1,30 beschriftet ist, dann tiefer zur 3, welche die 1,33 anzeigt, und ich erhalte den Wert von 0,0104 Kubikmetern. Ich stelle mir vor, wie Holz- und Grubenarbeiter oder deren Vorarbeiter im Wald stehen, oder am Stollen, und StĂ€mme vermessen, das Heftlein aufschlagen und in der Tabelle nachsehen, ĂŒber wieviele Kubikmeter Holz sie verfĂŒgen. Oder wie im BĂŒro die Anzahl der Kubikmeter pro Stamm nachgeschlagen wird, um diese dann mit der Anzahl der StĂ€mme und dem Preis pro Kubikmeter zu multiplizieren und potentiellen Abnehmern einen Preis offerieren zu können. Vielleicht hilft der Zeigefinger beim Finden der Zeile und beim Merken des Wertes, […]

Lea Sievertsen

Geschichte der stillen SchÀtze

Kisten voller Gold und Silber, Edelsteine oder Schmuck adliger Damen. So stellt man sich vor, was bei Kriegen im Mittelalter neben Macht und Territorien erbeutet werden konnte. Eine besondere Beute aber war diese: eine Truhe voll von wichtigsten Staatsdokumenten. Solch ein Moment, auf den man bei der Recherche nach den UrsprĂŒngen des heutigen Archivs trifft, ist dieser: FrĂ©teval 1194, wo sich die Truppen FrĂ©teval 1194, wo sich die Truppen des Königs von England, Richard Löwenherz, und Philipp Augustus von Frankreichs auf dem Schlachtfeld gegenĂŒberstanden. Philipp, der selbst schon einige Kilometer voraus auf der Flucht war, ließ den gesamten Bestand an französischen Urkunden sowie das königliche Siegel zurĂŒck, sodass Richard eine großartige Beute machen konnte. Dieser entdeckte in den Urkunden den Verrat seines Bruders, und auch Philipp zog eine wichtige Konsequenz aus diesem Verlust. Er schaffte die Tradition des MitfĂŒhrens wichtiger Staatsdokumente ab und richtete einen sicheren Ort in Paris ein, an dem die Dokumente gelagert werden sollten. Diese Entscheidung markiert einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte des Archivs, denn nun mussten die Papiere nicht mehr gemeinsam mit dem König reisen. NatĂŒrlich war dies nicht der Moment, in dem alle Akten Europas sofort in ein Archiv ĂŒberwiesen wurden, dies war ein langsamer Prozess […]

Sarah Fricke

Von der Reliquie zum Event

Um einen Überblick ĂŒber die Geschichte der Sammlung und der Entstehung von Museen zu geben, ist es sinnvoll, mit einer Definition des Sammelns zu beginnen. Krzysztof Pomian gibt diese in dem von ihm verfassten Standardwerk „Der Ursprung des Museums – vom Sammeln“. Eine Sammlung sei jede Zusammenstellung natĂŒrlicher oder kĂŒnstlicher GegenstĂ€nde, „die zeitweise oder endgĂŒltig aus dem Kreislauf ökonomischer AktivitĂ€ten herausgehalten werden, und zwar an einem abgeschlossenen, eigens zu diesem Zweck eingerichteten Ort, an dem die GegenstĂ€nde ausgestellt werden und angesehen werden können“. Mit der Aufnahme in eine Sammlung erfĂ€hrt ein Objekt eine Wertung im doppelten Sinne: Eine Aufwertung, weil es ĂŒber andere Dinge, die nicht Teil einer Sammlung sind, erhoben wird, eine Umwertung, weil es aus einem Gegenstand des Gebrauchs zu einem der Anschauung wird. Obwohl den Objekten jeglicher Gebrauchswert verloren geht, bleibt ein Tauschwert vorhanden, der hĂ€ufig höher ist als der eines praktischen Gegenstandes. Diesen Wert erklĂ€rt sich Krysztof Pomian im ideellen Wert des Sammelobjekts, das als Kommunikationsmittel zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren fungiere. Das Objekt reprĂ€sentiert somit beispielsweise das Ferne, das Mystische, das Vergangene oder Unbekannte. Diese Funktion als Mittler zwischen zwei Welten haben laut Krzysztof Pomian alle Sammlungsobjekte gemein. Die Reliquien, die als Medium zwischen […]

Lisa Petersen

Reklamemarke

Wie wertvoll eine Sammlung ist, hĂ€ngt von ihren Objekten ab. So galt es schon im Mittelalter als besonders erstrebenswert und hoch angesehen, eines der seltenen Einhornhörner sein Eigentum nennen zu können. Ein Exponat, welches von einem so großen Mythos umgeben war, dass selbst naturwissenschaftliche Erkenntnisse zunĂ€chst nicht dessen AuthentizitĂ€t anzweifeln ließen. Es hieß, dass das Horn eine heilkrĂ€ftigende Wirkung habe. Grund genug aus diesem Becher, hoheitliche SchmuckstĂŒcke oder Medikamente herzustellen. Die wilde und scheue Art des selten vorkommenden Tieres machte die Beschaffung des Horns besonders schwierig und den Besitz umso wertvoller. Im Physiologus, einem anonymen Text der SpĂ€tantike, wurde das Bild geprĂ€gt, dass nur eine Jungfrau das eigensinnige Tier zĂ€hmen könne. Eine Szene, die lange in Illustrationen aufgegriffen wurde. Die Illustratoren stellten die Existenz des Einhorns in keiner Weise in Frage, sondern festigten mit ihrer Kunst den Glauben an das Fabelwesen in der Gesellschaft. Verschiedene Reiseberichte aus fernen LĂ€ndern sorgten dafĂŒr, dass das Einhorn wiederholt bildlich dargestellt wurde. Letztlich nahmen sogar Verfasser naturkundlicher Werke das Einhorn in ihre Titel auf. Nicht einmal die Wissenschaft zweifelte den Ursprung des Horns mehr an. Der naturwissenschaftliche Fortschritt fĂŒhrte aber auch zu neuen Kenntnissen ĂŒber andere Lebewesen wie zum Beispiel den Narwal, der als […]

Anne Sievertsen

Verpackungspapier

Ich erinnere mich an das Jahr 1934, wenn ich dieses Papier in die Hand nehme. Damals war ich fĂŒnf Jahre alt. Ich hatte Scharlach und wurde fĂŒr vier Wochen zur Erholung geschickt. Vater musste auch einige Male zur Erholung und schickte mir von dort immer Post. Deswegen musste ich schnell lernen, ihm Dankesworte zu schicken, und meine Tante Magda, die damals bei uns lebte, ĂŒbte mit mir. Auf der Fahrt in das Erholungsheim lernte ich einen Jungen namens Klaus kennen. Er war in einem anderen Heim, aber auf der Hinfahrt mit dem Zug hat er die ganze Zeit auf mich aufgepasst. In dem Heim war alles ein bisschen primitiv. Ein großer Schlafraum, ein Klo. WĂ€hrend der vier Wochen Aufenthalt hatte meine Tante mir einmal ein Paket geschickt, da war ein Ball drin. Der war hellblau mit goldenen Sternen, das weiß ich noch ganz genau. Und dann hatte ich damit, ich war ja noch ansteckend und musste immer fĂŒr mich alleine auf dem Balkon bleiben, gespielt und der Ball fiel runter. Ich durfte gemeinsam mit der Erzieherin runtergehen und ihn suchen, aber dann war er weg. Da hatte ihn gleich jemand geschnappt. Eine Nacht war so ein fĂŒrchterlicher Sturm und am […]

Prof. Anna Berkenbusch

Rechnungsblock

Beim Stöbern in meiner Alltagsdrucksachensammlung fiel mir neben dem Blatt mit den Gestaltungsrichtlinien fĂŒr die MitteleuropĂ€ische Schlafwagen- und Speisewagen-Aktiengesellschaft von 1986 auch ein kleines graues Blöckchen in die HĂ€nde, ein Mitropa-Rechnungsblock. Winzig im Format, kein Platz fĂŒr ĂŒppige Gelage; grau und rau das Papier, und doch irgendwie fein mit roter Farbe bedruckt. Ob das FundstĂŒck aus dem Speisewagen oder AutobahnraststĂ€tte stammt, kann ich nicht sagen. FĂŒr mich ist der Begriff unabdingbar mit der Transitstrecke von Helmstedt nach Berlin verknĂŒpft; denn hier, nach langen Stunden des Wartens und Dahintuckerns auf holprogen Schlaglöcher-Straßen, gab es dann oft notgedrungen eine Pause in einer der Mitropa-AutobahnspeisegaststĂ€tten in Michendorf oder Magdeburg-Börde. Hier wurden Speisen mit exotischen Namen wie Soljanka, Borscht oder Schnitzel Zigeunerart serviert, und meistens musste man warten, bis man gesetzt wurde, selbst wenn das Lokal gĂ€hnend leer war. Wagemutige, die sich einfach an einen leeren Tisch setzten, wurden mehr als grob zurechtgewiesen. Oft schĂ€tzen, von welchen UmstĂ€nden eine schnelle oder langsame Bedienung abhing. Die Stimmung wirkete immer etwas gedĂ€mpft, niemand lachte oder sprach laut, alle duckten sich irgendwie weg. Die wenigen DDR-BĂŒrger, die dort aßen, ignorierten wir mit verstohlener Neugier und umgekehrt. Wenn der Laden komplett leer war, erschien mir die AtmosphĂ€re am […]

Ferdinand Ulrich

PlastiktĂŒte

Mit Motiven und Logos versehene TĂŒten machen einen beachtlichen Teil alltĂ€glicher Drucksachen aus. Sie sagen etwas ĂŒber unsere Gesellschaft und ihre Kultur aus. Nachdem wir sie ein paar Mal benutzt haben, verschwinden sie meist wieder, indem sie unseren Abfall vermehren. Das vorliegende Exemplar ist mir im FrĂŒhjahr 2012 wĂ€hrend eines Aufenthalts in San Francisco in die HĂ€nde gefallen. Zur Beschaffenheit, Botschaft und grafischen Gestaltung der PlastiktĂŒte einige Anmerkungen: In einem amerikanischen Supermarkt zur Kasse vorgedrungen, erhĂ€lt der Kunde die berĂŒhmte Frage »plastic or paper«. In die braunen PapiertĂŒten passt deutlich mehr hinein, sie sind belastbar und reißen kaum, haben jedoch keine Henkel, ganz im Gegensatz zu den dĂŒnnen PlastiktĂŒten, die sich fĂŒr den kleinen Einkauf eigenen. Die sogenannten >carryout t-shirt plastic bags< sind mit drei Löchern ausgestattet. Durch diese hĂ€ngen sie auf einer Vorrichtung und werden wue Zettel von einem Notizblock abgerissen (der ganze Stapel hat due Form eines T-Shirts), um zum Beispiel eine Gallone Milch hineinstellen zu können. Das ĂŒbernehmen College-Stunden am Ende der Kasse, die bei Safeway, Giant Eagle und Co. einen Dollar dazuverdienen und schließlich einen »großartigen Tag« wĂŒnschen. Wie viele kleine Erfindungen des Alltags, so ist auch dieses Produkt in den Vereinigten Staaten gleich mehrfach patentiert. […]