Sarah Fricke

Von der Reliquie zum Event

Um einen Überblick über die Geschichte der Sammlung und der Entstehung von Museen zu geben, ist es sinnvoll, mit einer Definition des Sammelns zu beginnen. Krzysztof Pomian gibt diese in dem von ihm verfassten Standardwerk „Der Ursprung des Museums – vom Sammeln“. Eine Sammlung sei jede Zusammenstellung natürlicher oder künstlicher Gegenstände, „die zeitweise oder endgültig aus dem Kreislauf ökonomischer Aktivitäten herausgehalten werden, und zwar an einem abgeschlossenen, eigens zu diesem Zweck eingerichteten Ort, an dem die Gegenstände ausgestellt werden und angesehen werden können“.

 

Mit der Aufnahme in eine Sammlung erfährt ein Objekt eine Wertung im doppelten Sinne: Eine Aufwertung, weil es über andere Dinge, die nicht Teil einer Sammlung sind, erhoben wird, eine Umwertung, weil es aus einem Gegenstand des Gebrauchs zu einem der Anschauung wird. Obwohl den Objekten jeglicher Gebrauchswert verloren geht, bleibt ein Tauschwert vorhanden, der häufig höher ist als der eines praktischen Gegenstandes. Diesen Wert erklärt sich Krysztof Pomian im ideellen Wert des Sammelobjekts, das als Kommunikationsmittel zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren fungiere. Das Objekt repräsentiert somit beispielsweise das Ferne, das Mystische, das Vergangene oder Unbekannte. Diese Funktion als Mittler zwischen zwei Welten haben laut Krzysztof Pomian alle Sammlungsobjekte gemein. Die Reliquien, die als Medium zwischen der irdischen und der göttlichen Welt dienen, Kunstwerke, die den Betrachter an einem vergangenen Moment oder der Phantasie eines Künstlers teilhaben lassen, oder Exotika, die als Zeugnisse einer anderen Kultur Ferne repräsentieren.

 

Anke te Heesen sieht in der Sammlung mehr als einen Ort der Visualisierung der Objekte, da die Sammlung stets auch eine soziale Funktion gehabt und Machtbestrebungen gedient habe. Die prestigeverleihende Eigenschaft einer Sammlung zeigt sich in mehreren Aspekten. Zum einen bedarf es eines finanziellen Überschusses, um Gegenstände dem ökonomischen Kreislauf zu entziehen, zum anderen zeugen Sammlungen von Geschmack, der intellektuellen Neugier und dem Forschungsdrang ihres Besitzers.

 

 

Die ersten Sammlungen befanden sich im Besitz religiöser Institutionen und der staatlichen Obrigkeiten. Im antiken Griechenland waren das die Sammlungen, die durch Opfergaben in den Tempeln entstanden, und in Rom, die durch Kriegsbeute zusammengetragenen Schätze der römischen Kaiser. Im Mittelalter war es die christliche Kirche, die durch die Verbreitung des Heiligenkults den blühenden Handel mit Reliquien auslöste. Den Reliquien – Körperteile beziehungsweise Gegenstände, die in Berührung mit einer Gestalt aus der Geschichte der Heiligen gekommen waren – wurden heilende und schützende Kräfte nachgesagt. Darüber hinaus heiligten sie den Ort, an dem sie sich befanden, und sorgten für den Beistand der Heiligen. Kirchen und Klöster, aber auch Adelige beteiligten sich an der Jagd nach Reliquien, die nach den Kreuzzügen und dem erleichterten Zugang zum Nahen Osten einen Höhepunkt fand. In eigens zu ihrer Verwahrung gefertigten Schreinen wurden sie bei religiösen Zeremonien ausgestellt oder auf Prozessionen mitgeführt. Die Gläubigen reisten oft von weit her, um durch die Berührung des Reliquienschreins eine Heilwirkung, Linderung oder Wohlergehen zu erfahren. Doch nicht nur Reliquien waren begehrte Sammlungsstücke, auch kostbare Gefäße, Juwelen und Objekte sagenhafter Herkunft – Gegenstände, die die Schönheit Gottes Schöpfung widerspiegelten – wurden durch Kirchenfürsten, Kardinäle, Bischöfe, Äbte  und  Adelige gesammelt.

 

Für die Ausdehnung der Sammeltätigkeit im 16. Jahrhundert waren mehrere Faktoren ausschlaggebend. Mit der Entdeckung und der Erforschung neuer Kontinente machte sich ein Forschungsgeist breit, der aus dem Schatten der Lehre antiker Schriften trat. Die Entdeckung der neuen Welt hatte viele Fragen aufgeworfen, auf die die alten Schriften keine Antworten zu geben wussten, und technische Neuerungen im Bereich des Buchdrucks und des Schiffbaus hatten den Austausch von Waren und Informationen erleichtert. Durch die Erschließung neuer Kolonien und neuer Handelsrouten hatten es im 16. Jahrhundert einige Staaten, unter ihnen Venedig und die Niederlande, zu beachtlichem Reichtum gebracht. Ein finanzieller Überschuss, der eine wichtige Voraussetzung für das Aufblühen der Sammelkultur darstellte, hatte sich in einigen Gesellschaftsschichten gebildet. Nun waren es nicht nur der Klerus und Adel, die private Sammlungen anlegten, sondern auch die Gelehrten und die wohlhabende Patriziergesellschaft. Das private Kuriositätenkabinett, in dem Naturalia, Raritäten und Exotika – Boten einer fernen Welt – dargeboten wurden, gehörte für den gebildeten Patrizier der Renaissance bald zum guten Ton. Interesse fanden gerade die Objekte, die in der aktuellen Ordnung der Welt noch keinen Platz gefunden hatten: Einhörner, Drachen und anderes Kurioses, „deren mögliche Existenz anzunehmen Ausweis von Wissenschaftlichkeit war“. Sammlungsobjekte aus Kunst und Wissenschaft, Exotika, Antiquitäten und Naturalia wurden Kennzeichen einer sozialen Zugehörigkeit und für die Machthabenden Symbole ihrer Überlegenheit.

 

Eine weitere zeitgeschichtliche Komponente spielte eine Rolle bei der Bildung privater Sammlungen: War das mittelalterliche, christliche Denken auf das Leben nach dem Tod gerichtet gewesen, fand im 16. Jahrhundert eine Hinwendung zum Diesseitigen statt. Kunst und Literatur thematisierten die Vergänglichkeit aller Dinge. In Vanitas-Stillleben wurden drapierte Gegenstände durch Sinnbilder der Endlichkeit ergänzt – Sanduhren, Totenschädel und erloschene Kerzen. Die Fokussierung auf das irdische Leben legitimierte das Sammeln als Ausdruck praktischer Theologie – die Suche nach dem Göttlichen in seiner irdischen Schöpfung. Die Sammlung beinhaltete auch den Wunsch ihres Besitzers nach einem Stück individueller Ewigkeit. Dem gleichen Wunsch folgend, gaben Fürsten und Staatsoberhäupter Bilder in Auftrag, die ihre Heldentaten für die Nachwelt sichtbar machen sollten und in Sammlungen aufbewahrt wurden.

 

Bis ins 17. Jahrhundert hinein, existierten Sammlungen meist nur im Privaten. Ihr Zugang beschränkte sich auf eine bestimmte Gruppe der Bevölkerung, dem Großteil der Öffentlichkeit blieb er jedoch verschlossen. Eine Ausnahme bildeten lediglich die kirchlichen Sammlungen. Es waren die Mitglieder des Bürgertums, die im 17. und 18. Jahrhundert begannen Druck auszuüben und die die Entstehung erster öffentlicher Bibliotheken, im 18. Jahrhundert auch öffentlich zugänglicher Museen erwirkten.

 

Ein Wandel im Sammlungswesen wurde mit dem Einsetzen der Aufklärung und dem Aufstieg der Akademien spürbar. Hatten die chaotischen und universellen Sammlungen des 16. und 17. Jahrhunderts versucht, die Grenzen des Wissens in Frage zu stellen, so hatten die Sammlungen des 18. Jahrhunderts einen wissenschaftlich systematisierten Ansatz, der genaue Kategorisierung und Ordnung vorsah. Dinge sollten entsprechend ihrer hierarchischen Stellung oder zeitlichen Abfolge geordnet werden. Sammlungen spezialisierten sich zunehmend auf Teilgebiete und setzten sich eine umfassende Klassifizierung der Natur und Kunst zum Ziel, die jedem Objekt seinen Platz im System zuweisen sollte. Innerhalb von 200 Jahren waren die chaotischen Wunderkammern, in denen Monstrositäten und Mythen ihren Platz gefunden hatten, einer Wissenschaftlichkeit und Systematik gewichen, welche die Annahme illustrierte, dass nichts mehr außerhalb des menschlichen Verstandes lag.

 

Im 19. Jahrhundert wurden Museen und Sammlungen zu festen kulturellen Institutionen, die zunehmend einen erzieherischen und volksbildenden Charakter erhielten. Museen wurden zu einem politischen Instrument, das es der Regierung erlaubte, die nationale Geschichte in ein glorreiches Licht zu rücken oder neu zu schreiben. Nationalmuseen veranschaulichten die Traditionen und Volkskultur eines Landes, das sich nicht selten selbst an die evolutionäre Spitze stellte – „die Nation (…) bringt sich selbst eine permanente Huldigung dar, indem sie ihre Vergangenheit (…) feiert“.

 

Welche Bedeutung Museen und Sammlungen zum Ende des 20. und Beginn des 21. Jahrhunderts haben, zeigt sich an ihrer derzeitigen Beliebtheit. Heute kommt ihnen nicht mehr  nur eine bildende und aufklärende Funktion zu, vielmehr erlangen die Ausstellungen zunehmend den  Charakter eines Events. Gefragt sind sogenannte Blockbuster, deren Bedeutung an der Länge der Besucherschlangen gemessen wird. Vor diesem Hintergrund ist es erfreulich, dass sich daneben eine Museums- und Ausstellungskultur bilden konnte, die sich gesellschaftlicher Fragen, regionaler Besonderheiten, spezieller Kunstrichtungen und der Vielfalt kultureller Alltagserscheinungen widmet, sodass jenseits der großen Besucher- und Geldströme ein Diskurs über den gesellschafts- und bildungspolitischen Stellenwert von Ausstellungen eröffnet wurde.

 

 

Dieser Text erschien zuerst in: Berkenbusch, Anna/Fricke, Sarah/Petersen, Lisa/Sievertsen, Lea (Hrsg.): Mitteilungen aus dem Zettelwerk, Halle (Saale) 2015, S.25-27.