Francis Hunger

Von der Tabelle zur Lochkarte

Die Grubenholz-Kubiktabelle (BI-108), herausgegeben 1897 in Berlin, gesetzt in Fraktur und Serifen, besteht aus zwei Spalten zur Beschriftung, jeweils links und rechts außen, sowie acht eng bedruckte innere Spalten, welche die Ergebniswerte in Kubikmeter mit einer Genauigkeit von vier Stellen nach dem Komma enthalten. Laut Wolfgang Schwärzler (www.wolfgangschwaerzler.de) könnte die Fraktur Ende des 19. Jahrhunderts von Johann Heinrich Geiger gestaltet wurden sein, es käme jedoch auch die Luthersche Fraktur in Betracht. Möchte ich die Kubikmeterzahl für Holz mit einem mittleren Umfang von 10 Zentimetern und einer Länge von 1,33 m finden, so streift mein Blick in die Zeile, die mit 1,30 beschriftet ist, dann tiefer zur 3, welche die 1,33 anzeigt, und ich erhalte den Wert von 0,0104 Kubikmetern. Ich stelle mir vor, wie Holz- und Grubenarbeiter oder deren Vorarbeiter im Wald stehen, oder am Stollen, und Stämme vermessen, das Heftlein aufschlagen und in der Tabelle nachsehen, über wieviele Kubikmeter Holz sie verfügen. Oder wie im Büro die Anzahl der Kubikmeter pro Stamm nachgeschlagen wird, um diese dann mit der Anzahl der Stämme und dem Preis pro Kubikmeter zu multiplizieren und potentiellen Abnehmern einen Preis offerieren zu können. Vielleicht hilft der Zeigefinger beim Finden der Zeile und beim Merken des Wertes, denn dazu ist die Tabelle im Unterschied zum Diagramm besonders geeignet: zum Auffinden einzelner Werte bei gleichzeitigem Überblick über die Gesamtheit.

 

 

 

Wahrscheinlich ist, dass der Wert, da er als Ausgangswert diente, in weitere Tabellen übertragen wurde, um Folgeergebnisse zu berechnen. An dieser Stelle wird bereits die immense Bedeutung der Tabelle deutlich, als Werkzeug »zwischen Anschauung und Denken« (Krämer 2012), als Kulturtechnik. Ihre Verwendung reicht mindestens bis 2500 vor unserer Zeitrechnung zurück, wo sie bei den Assyrern nachgewiesen ist, zur Aufzählung des Inventares des Königreiches: Kühe, Schafe, Menschen. Aus dieser Auf-Zählung der Besitztümer des Königs in tabellarischer Form wird die Er-Zählung; aus der Auf-Schreibung wird die Geschichts-Schreibung.

 

Es gilt, sich zu vergegenwärtigen, welcher Gegenstand abwesend ist und die Anwesenheit der Tabelle unabdingbar macht: der Taschenrechner. Mit dessen Aufkommen verringerte sich die Notwendigkeit gedruckter mathematischer Tabellen, denn nunmehr konnten von jederfrau und jedermann die benötigten Ergebnisse ad hoc, im Moment ihrer Notwendigkeit berechnet werden. Die Tabelle wurde nicht überflüssig, es verlagerte sich nur ihr Verwendungsbereich und Ihr Werkzeugcharakter verstärkte sich. Im Zuge der raumgreifenden Algorithmisierung der Welt tritt sie uns heute in Form von Programmen zur Tabellenkalkulation, in jeder Datenbank, und in vielfachen Visualisierungen entgegen.

 

Wir sehen sie so oft, dass wir sie nicht mehr sehen. Vor unseren Augen ist die Tabelle magisch transparent. Dies macht sich im gestalterischen Alltag bemerkbar: Hochgeschätzte Kolleg*innen, die mit Verve und viel Detail hochspannend über Buchgestaltung, Typografie oder Schriftgestaltung diskutieren können, haben zur Tabelle wenig zu sagen. Solitäre Publikationen wie Tufte (1983) und Few (2012) widmen sich ihr näher.

 

Der Schmutzumschlag der Grubenholz Kubiktabelle verkündet, dass Herr E. Behm, seines Zeichens »Geheimer expedierender Sekretär und Kalkulator im königlich preußischen Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten« deren Berechnung verantwortet. Wochenlang hatte Behm im Büro gesessen und jeden einzelnen der 320 Werte pro Seite berechnet. Zur Sicherheit rechnete er zweimal, oder überprüfte die Werte mit Hilfe der Differenzmethode, welche Charles Babbage als Grundlage seiner Difference Engine übernahm. Ein Schriftsetzer füllte, geübt in den Setzkasten greifend, Zeile für Zeile mit Ziffern und überließ die Andrucke Herrn Behm zur Korrektur, der wiederum jeden einzelnen Wert erneut kontrollierte, bevor das Werk in Druck gehen konnte. Das Fließband im Kopf des E. Behm liefert die Vorlage für mechanische Rechenmaschinen, die ab den 1940er Jahren elektronisch realisiert werden.

 

Um den elektronischen Rechnern, welche die menschlichen ersetzen, Daten zuzuführen, bediente man sich bis in die 1980er Jahre der Lochkarte, die dem damaligen Standard durch IBM entsprechend, ebenfalls in der Sammlung des Zettelwerkes vorliegt (SO–106). Die Niedersächsische Forstverwaltung erfasst mit ihrer Hilfe in tabellarisch gedrängter Form Daten wie Holzart, Menge und so weiter, und machte sie jener maschinellen Berechnung verfügbar, die zu Zeiten des Geheimrats Behm noch nicht existierte. Der Medientheoretiker Markus Krajewski hat argumentiert, dass die Tabelle die Daten durch räumliche Verteilung in Formation bringt, sie werden In-Formation. Durch eine Besonderheit ist die vorliegende Lochkarte für Menschen und für Maschinen lesbar: aufgedruckte Kategorisierungen formatieren und in-formieren dem menschlichen Auge durch Raumverhältnisse die Bedeutungsverhältnisse, und formatisieren durch maschinell auslesbare Ausstanzungen die Computerwirklichkeit, indem ein elektronischer Kontakt schließen und den Wert 1 und dessen Unterbrechung durch Papier den Wert 0 signalisieren kann.

 

Beide Dokumente, die Grubenholz-Kubiktabelle und die Lochkarte der Niedersächsischen Forstverwaltung sind Zeugen der langen Digitalisierung, die ihren Ausgang in der Erfindung räumlich organisierter hieroglyphischer Zeichen haben, noch vor dem Entstehen der Schrift und des Fließtextes hat.

 

 

Behm, E: Grubenholz-Kubiktabelle. Berlin: Julius Springer Verlag 1897 (Zettelwerk BI-108).
Few, Stephen: Show me the numbers. Analytics Press 2012.
Krajewski, Markus: Paper Machines – about Cards & Catalogs, 1548-1929. Cambridge, Mass: MIT Press 2011.
Krämer, Sybille: „Zwischen Anschauung und Denken – Zur epistemologischen Bedeutung des Graphismus“, in: Bromand, Joachim (Hrsg.): Was sich nicht sagen lässt. Das Nicht-Begriffliche in Wissenschaft, Kunst und Religion, Berlin: Akademie Verlag 2010, S. 173–192.