Francis Hunger

Von der Tabelle zur Lochkarte

Die Grubenholz-Kubiktabelle (BI-108), herausgegeben 1897 in Berlin, gesetzt in Fraktur und Serifen, besteht aus zwei Spalten zur Beschriftung, jeweils links und rechts auĂźen, sowie acht eng bedruckte innere Spalten, welche die Ergebniswerte in Kubikmeter mit einer Genauigkeit von vier Stellen nach dem Komma enthalten. Laut Wolfgang Schwärzler (www.wolfgangschwaerzler.de) könnte die Fraktur Ende des 19. Jahrhunderts von Johann Heinrich Geiger gestaltet wurden sein, es käme jedoch auch die Luthersche Fraktur in Betracht. Möchte ich die Kubikmeterzahl fĂĽr Holz mit einem mittleren Umfang von 10 Zentimetern und einer Länge von 1,33 m finden, so streift mein Blick in die Zeile, die mit 1,30 beschriftet ist, dann tiefer zur 3, welche die 1,33 anzeigt, und ich erhalte den Wert von 0,0104 Kubikmetern. Ich stelle mir vor, wie Holz- und Grubenarbeiter oder deren Vorarbeiter im Wald stehen, oder am Stollen, und Stämme vermessen, das Heftlein aufschlagen und in der Tabelle nachsehen, ĂĽber wieviele Kubikmeter Holz sie verfĂĽgen. Oder wie im BĂĽro die Anzahl der Kubikmeter pro Stamm nachgeschlagen wird, um diese dann mit der Anzahl der Stämme und dem Preis pro Kubikmeter zu multiplizieren und potentiellen Abnehmern einen Preis offerieren zu können. Vielleicht hilft der Zeigefinger beim Finden der Zeile und beim Merken des Wertes, denn dazu ist die Tabelle im Unterschied zum Diagramm besonders geeignet: zum Auffinden einzelner Werte bei gleichzeitigem Ăśberblick ĂĽber die Gesamtheit.

Wahrscheinlich ist, dass der Wert, da er als Ausgangswert diente, in weitere Tabellen übertragen wurde, um Folgeergebnisse zu berechnen. An dieser Stelle wird bereits die immense Bedeutung der Tabelle deutlich, als Werkzeug »zwischen Anschauung und Denken« (Krämer 2012), als Kulturtechnik. Ihre Verwendung reicht mindestens bis 2500 vor unserer Zeitrechnung zurück, wo sie bei den Assyrern nachgewiesen ist, zur Aufzählung des Inventares des Königreiches: Kühe, Schafe, Menschen. Aus dieser Auf-Zählung der Besitztümer des Königs in tabellarischer Form wird die Er-Zählung; aus der Auf-Schreibung wird die Geschichts-Schreibung.

Es gilt, sich zu vergegenwärtigen, welcher Gegenstand abwesend ist und die Anwesenheit der Tabelle unabdingbar macht: der Taschenrechner. Mit dessen Aufkommen verringerte sich die Notwendigkeit gedruckter mathematischer Tabellen, denn nunmehr konnten von jederfrau und jedermann die benötigten Ergebnisse ad hoc, im Moment ihrer Notwendigkeit berechnet werden. Die Tabelle wurde nicht überflüssig, es verlagerte sich nur ihr Verwendungsbereich und Ihr Werkzeugcharakter verstärkte sich. Im Zuge der raumgreifenden Algorithmisierung der Welt tritt sie uns heute in Form von Programmen zur Tabellenkalkulation, in jeder Datenbank, und in vielfachen Visualisierungen entgegen.

Wir sehen sie so oft, dass wir sie nicht mehr sehen. Vor unseren Augen ist die Tabelle magisch transparent. Dies macht sich im gestalterischen Alltag bemerkbar: Hochgeschätzte Kolleg*innen, die mit Verve und viel Detail hochspannend über Buchgestaltung, Typografie oder Schriftgestaltung diskutieren können, haben zur Tabelle wenig zu sagen. Solitäre Publikationen wie Tufte (1983) und Few (2012) widmen sich ihr näher.

Der Schmutzumschlag der Grubenholz Kubiktabelle verkündet, dass Herr E. Behm, seines Zeichens »Geheimer expedierender Sekretär und Kalkulator im königlich preußischen Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten« deren Berechnung verantwortet. Wochenlang hatte Behm im Büro gesessen und jeden einzelnen der 320 Werte pro Seite berechnet. Zur Sicherheit rechnete er zweimal, oder überprüfte die Werte mit Hilfe der Differenzmethode, welche Charles Babbage als Grundlage seiner Difference Engine übernahm. Ein Schriftsetzer füllte, geübt in den Setzkasten greifend, Zeile für Zeile mit Ziffern und überließ die Andrucke Herrn Behm zur Korrektur, der wiederum jeden einzelnen Wert erneut kontrollierte, bevor das Werk in Druck gehen konnte. Das Fließband im Kopf des E. Behm liefert die Vorlage für mechanische Rechenmaschinen, die ab den 1940er Jahren elektronisch realisiert werden.

Um den elektronischen Rechnern, welche die menschlichen ersetzen, Daten zuzuführen, bediente man sich bis in die 1980er Jahre der Lochkarte, die dem damaligen Standard durch IBM entsprechend, ebenfalls in der Sammlung des Zettelwerkes vorliegt (SO–106). Die Niedersächsische Forstverwaltung erfasst mit ihrer Hilfe in tabellarisch gedrängter Form Daten wie Holzart, Menge und so weiter, und machte sie jener maschinellen Berechnung verfügbar, die zu Zeiten des Geheimrats Behm noch nicht existierte. Der Medientheoretiker Markus Krajewski hat argumentiert, dass die Tabelle die Daten durch räumliche Verteilung in Formation bringt, sie werden In-Formation. Durch eine Besonderheit ist die vorliegende Lochkarte für Menschen und für Maschinen lesbar: aufgedruckte Kategorisierungen formatieren und in-formieren dem menschlichen Auge durch Raumverhältnisse die Bedeutungsverhältnisse, und formatisieren durch maschinell auslesbare Ausstanzungen die Computerwirklichkeit, indem ein elektronischer Kontakt schließen und den Wert 1 und dessen Unterbrechung durch Papier den Wert 0 signalisieren kann.

Beide Dokumente, die Grubenholz-Kubiktabelle und die Lochkarte der Niedersächsischen Forstverwaltung sind Zeugen der langen Digitalisierung, die ihren Ausgang in der Erfindung räumlich organisierter hieroglyphischer Zeichen haben, noch vor dem Entstehen der Schrift und des Fließtextes hat.

Behm, E: Grubenholz-Kubiktabelle. Berlin: Julius Springer Verlag 1897 (Zettelwerk BI-108).
Lochkarte zur digitalen Erfassung der Landesforstverwaltung (Zettelwerk SO-106)
Few, Stephen: Show me the numbers. Analytics Press 2012.
Krajewski, Markus: Paper Machines – about Cards & Catalogs, 1548-1929. Cambridge, Mass: MIT Press 2011.
Krämer, Sybille: „Zwischen Anschauung und Denken – Zur epistemologischen Bedeutung des Graphismus“, in: Bromand, Joachim (Hrsg.): Was sich nicht sagen lässt. Das Nicht-Begriffliche in Wissenschaft, Kunst und Religion, Berlin: Akademie Verlag 2010, S. 173–192.
Veröffentlicht auf Zettelwerk.com, 10. Oktober 2018
Lea Sievertsen

Geschichte der stillen Schätze

Kisten voller Gold und Silber, Edelsteine oder Schmuck adliger Damen. So stellt man sich vor, was bei Kriegen im Mittelalter neben Macht und Territorien erbeutet werden konnte. Eine besondere Beute aber war diese: eine Truhe voll von wichtigsten Staatsdokumenten. Solch ein Moment, auf den man bei der Recherche nach den UrsprĂĽngen des heutigen Archivs trifft, ist dieser: FrĂ©teval 1194, wo sich die Truppen FrĂ©teval 1194, wo sich die Truppen des Königs von England, Richard Löwenherz, und Philipp Augustus von Frankreichs auf dem Schlachtfeld gegenĂĽberstanden. Philipp, der selbst schon einige Kilometer voraus auf der Flucht war, lieĂź den gesamten Bestand an französischen Urkunden sowie das königliche Siegel zurĂĽck, sodass Richard eine groĂźartige Beute machen konnte. Dieser entdeckte in den Urkunden den Verrat seines Bruders, und auch Philipp zog eine wichtige Konsequenz aus diesem Verlust. Er schaffte die Tradition des MitfĂĽhrens wichtiger Staatsdokumente ab und richtete einen sicheren Ort in Paris ein, an dem die Dokumente gelagert werden sollten. Diese Entscheidung markiert einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte des Archivs, denn nun mussten die Papiere nicht mehr gemeinsam mit dem König reisen. NatĂĽrlich war dies nicht der Moment, in dem alle Akten Europas sofort in ein Archiv ĂĽberwiesen wurden, dies war ein langsamer Prozess und auch einige Hundert Jahre später kam es noch zu Fällen, in denen wichtigste Dokumente unterwegs zerstört, verloren oder zurĂĽckgelassen wurden.

Andererseits führte die spätere Sesshaftigkeit des Archivs immer wieder zu Konflikten aller Art. In Deutschland kam es zu Erbteilungen in den verschiedenen Fürstentümern oder Herzogtümern. Hiervon waren nicht nur die Ländereien betroffen, sondern sämtliche Besitztümer, zu denen auch die Dokumente des Archivs gehörten. So wurden Archive immer wieder auseinandergenommen und aufgeteilt, teilweise ohne jeden Sinn, was zu einer großen Unordnung und fehlender Systematik in den Beständen führte. Gab es Dokumente, die nicht verteilt werden konnten, da sie doch für die ganze Familie zu bedeutend erschienen, wurden gemeinschaftliche Archive eingerichtet, über die mit großer Vorsicht gewacht wurde.

Die ernestinischen Herzogtümer, die im 15. Jahrhundert das damalige Sachsen regierten, hatten beispielsweise nicht einmal hundert Jahre nach ihrer Entstehung 1486 ihre Gebiete untereinander so stark aufgeteilt, dass es teilweise bis zu zehn Teilherzogtümer gab. Das gemeinsame Archiv, das die Familie sich in Weimar teilte, hatte für jedes Herzogtum ein Schloss an der Archivtür und diese konnte nur geöffnet werden, wenn alle Schlüssel vor Ort waren. Das Misstrauen unter den einzelnen Familienmitgliedern und der Wert des Archivs als Machtsymbol waren groß.

Der Vorgang des Archivierens ist etwas, das schon mindestens seit der Antike Bestandteil menschlicher Kulturen ist, das Sammeln als solches reicht bekanntlich noch viel weiter zurück. Wichtig ist aber, das die Handlung des Archivierens, also das Ordnen, Organisieren und Aufbewahren von Schriftstücken, schon wesentlich länger Bestandteil der Kulturgeschichte ist als das Archiv im Sinne des Ortes oder Gebäudes. Mit der stärker werdenden Verschriftlichung der europäischen Gesellschaft gewinnt auch das Archiv an Bedeutung. Nicht nur, dass das Reisen mit Dokumenten gefährlich war, es wurde auch immer schwieriger, der Masse an Dokumenten Herr zu werden. Der Umgang mit Dokumenten wurde zu einem Bestandteil des alltäglichen Lebens, und alle wichtigen Vorgänge, vor allem Staat, Gesetz und Kirche betreffend, wurden schriftlich fixiert. Dass originale Schriftstücke so wertvoll waren, dass sie aufgehoben werden mussten – zur Geschichtsschreibung, aber vor allem zur Sicherung und als Beweis juristischer Vorgänge, von Verträgen oder sozialen Beziehungen – ist eine Idee, die sich bis in die gegenwärtige Kultur durchgesetzt hat. Wie wichtig ist es heute für jeden Einzelnen, Dokumente wie die Geburtsurkunde, Zeugnisse oder Finanzunterlagen sorgfältig im eigenen Aktenordner aufzubewahren.

Neben den Dokumenten, die den Menschen wertvoll und aufbewahrungswürdig erschienen, wurden auch andere Papierformen geschaffen, die nur für einen kurzen Gebrauch bestimmt und nicht dafür gedacht waren, in die Archive zu gelangen. Dinge wie Notizzettel oder Besorgungslisten wanderten in den Müll, machten aber doch einen wichtigen Teil der damaligen wie der heutigen Schriftkultur aus. Es lässt sich hier also festhalten, dass nicht jedes Schriftdokument automatisch einen Wert hatte und die Geschichte der Textdokumente nicht unbedingt mit der des Archivs einhergeht. Das jeweilige Ablagesystem oder Platzmangel konnten ebenfalls die Auswahl an Archivalien beeinflussen.Vieles lässt sich gerade an den Lücken, die durch diese Art der Selektion entstanden, über die Kultur und die Menschen ablesen.

Trotzdem wurde die Zahl der aufzubewahrenden Dokumente ab dem 12. Jahrhundert immer größer. Bei juristischen Prozessen wurde nicht mehr nur das Urteil festgehalten, sondern auch nach und nach jeder Einzelschritt dokumentiert. Tatbestände, Urteile oder die Abläufe von Entscheidungsprozessen mussten fixiert werden, um so dauerhaft zur Erinnerung und Einsicht zur VerfĂĽgung zu stehen und GĂĽltigkeit zu bewahren. Dass die Erfindung des Papiers zu diesem Zeitpunkt Europa erreichte, trug nicht unerheblich zu dieser „Explosion von Schriftlichkeit“  bei. Nicht nur die Verwendung von Dokumenten veränderte sich, es war auch der Umgang der Menschen mit diesen. Schriftlichkeit wurde zu einem Vertrauensbeweis. Rechenschaft ĂĽber Entscheidungen abzulegen und diese festzuhalten, veränderte sogar die Form des Regierens. Reine MachtausĂĽbung wurde zum kontrollierten Herrschen. Die Gesellschaft entwickelte den Hang, alles zu protokollieren und durch das Festhalten auf Papier zu kontrollieren. So kritisierte noch in den 1960ern der kanadische Philosoph Marshall McLuhan, dass der Mensch sich durch die Verschriftlichung der Gesellschaft zu sehr von seinen intuitiven Fähigkeiten distanziere und seine visuelle Wahrnehmung nicht mehr hinterfrage.

Das Archiv als Ort des Festhaltens, des Wissens und der Erinnerung ist immer in Veränderung und Bewegung. Es bedarf ständiger Sorgfalt und Pflege und einer Person, die sich der Ordnung (oder der Unordnung) annimmt und den Überblick behält. Archive sind keine natürlichen Prozesse, es wird immer jemand benötigt, der ermöglicht, dass sie ihrer Funktion entsprechend nutzbar sind.

Archivare waren bis mindestens in das 14. Jahrhundert Personen, die die Verantwortung für das Archiv neben anderen Berufen ausübten, sodass das Archivieren eher eine Art der Nebentätigkeit war. Mit zunehmender Größe und Institutionalisierung der Archive wurde hier aber auch erkannt, dass man eine Person benötigte, die sich in System und Logik der sortierten Dokumente auskannte und diese pflegte. Ein Archivar musste vertrauenswürdig und loyal sein und häufig kam es zu Problemen bei der Personenwahl, denn die Verwaltung der Dokumente war eine äußerst wichtige Angelegenheit. Ein guter Umgang mit Schrift und ein gewisser Bildungsgrad waren vorausgesetzt, musste ein Archivar doch in den alten Schriften lesen können, um geeignete Akten herauszusuchen, sollten diese zum Beispiel bei juristischen Entscheidungen gefordert sein. Wenn man in diesem Bereich eine Begabung mitbrachte, konnte man in der Gesellschaft aufsteigen und auf eine gute Bezahlung hoffen, denn für die Arbeitgeber war man von größtem Nutzen. Im Kontrast dazu schaffte aber beispielsweise der französischen Hof um 1700 auf der Suche nach neuen Geldquellen die Möglichkeit für gut situierte Bürger, sich nach Belieben ein Staatsamt zu kaufen. Dadurch ging auch die Führung eines Archivs häufig nicht damit einher, dass eine besonders qualifizierte Person in dieser Position zu finden war. Dieses Vorgehen führte zu Chaos in den Archiven, denn die Ausführung der Aufgaben wurde nicht unbedingt verantwortungsvoll oder mit großem Interesse verfolgt.

Auch war das Ansehen des Berufs in der frühen Neuzeit nicht unbedingt entsprechend seiner Wichtigkeit und Verantwortung. Die Vorstellung eines einsamen Mannes im Gewühl tausender alter Papiere schien den meisten Leuten wohl als zutreffendes Bild des Archivalltags. Auch heute noch ist der Beruf verknüpft mit der Vorstellung von einer zurückgezogenen und etwas schrulligen Person. Archivare sind aber nicht nur mit der Sortierung von Akten beschäftigt, sondern tragen auch als Gelehrte einen großen Dienst zu Geschichtsschreibung und Wissenschaft bei. Wenn sie nicht selbst als Historiker tätig sind, so unterstützen sie diese bei der Recherchearbeit mit den richtigen Dokumenten.

Dieses ideale Bild der Zusammenarbeit trifft und traf natürlich nicht immer zu. Es lassen sich viele Geschichten über Schwierigkeiten beim Benutzen von Archiven finden. Bis in das 19. Jahrhundert war es, vor allem für Historiker, äußerst kompliziert, den Zugang zu Archiven gewährt zu bekommen. Niemand wusste über alle Akten, die sich im eigenen Archiv befanden, genau Bescheid, und dieser Überraschungseffekt hatte schon zu mehr oder weniger erwünschten Entdeckungen geführt. Aus Angst vor diesen zufälligen Funden wurde das Erlangen der Zugangserlaubnis häufig zu einer mühsamen und schwierigen Angelegenheit. Besuche mussten Jahre im Voraus geplant, Erkundigungen über die Bestände eingeholt und soziale Beziehungen ausgenutzt werden. Sogar Bestechung und Täuschung waren übliche Verfahren, um sich Zugang zu verschaffen. Besonders ambitionierte Historiker legten sich falsche Identitäten zu, um ihre Forschungen vorantreiben zu können. Auch die Benutzung selbst konnte durch versteckte Verzeichnisse oder unmögliche Arbeitsplätze in den kleinsten und dunkelsten Räumen erschwert werden.

Für die Arbeit des Historikers aber war das Archiv als Quelle unumgänglich, denn zu dieser Zeit war die Nähe zum Original etwas, auf das man sich bei seiner Forschung vertrauensvoll berufen konnte, und welche das Ansehen der eigenen Theorien enorm verstärkte.

Eine Sichtweise, die damals schon unter einigen Historikern umstritten war, denn inwiefern die Dokumente wirklich wahrheitsgemäß und korrekt über Umstände der Vergangenheit berichteten, wurde stark diskutiert, und die auf archivalischer Arbeit basierende Geschichtsschreibung befand sich in der Kritik.

Auch nach der Demokratisierung der Archive durch die französischen Revolution, während der sie zu staatlichen Institutionen für die Öffentlichkeit wurden, bleibt diese Kritik bis heute bestehen. Foucault versteht 1969 unter dem Begriff des Archivs nicht mehr die Tätigkeit des Sammelns oder Aufbewahrens von Dokumenten, sondern den Rahmen oder die Bedingung für historische Aussagen. Archive sind seiner Idee nach Systeme für das, was in einer Kultur gesagt werden durfte, und gleichzeitig auch für das, was nicht erwähnt werden sollte.

Archive sind immer gleichzeitig Orte der Geschichte und der Zukunft. Nie kann man genau wissen, welche Dokumente von Nutzen sein können und wie sich ihr Wert verändern wird. Etwas, das heute als unbrauchbar oder überflüssig erscheint, könnte in 100 Jahren von großem Wert für den Nutzer sein. Je nach Gebrauch des Archivs tun sich immer wieder neue Möglichkeiten für Suchkriterien oder zur Erforschung auf. Sie müssen flexibel bleiben und sich durch immer wieder neue Interessen ihrer Umwelt verändern. Die Bestände können auch in Zukunft noch zu ungeahnten Schätzen werden.

Dieser Text erschien zuerst in: Berkenbusch, Anna/Fricke, Sarah/Petersen, Lisa/Sievertsen, Lea (Hrsg.): Mitteilungen aus dem Zettelwerk, Halle (Saale) 2015, S.22-24.
Sarah Fricke

Von der Reliquie zum Event

Um einen Überblick über die Geschichte der Sammlung und der Entstehung von Museen zu geben, ist es sinnvoll, mit einer Definition des Sammelns zu beginnen. Krzysztof Pomian gibt diese in dem von ihm verfassten Standardwerk „Der Ursprung des Museums – vom Sammeln“. Eine Sammlung sei jede Zusammenstellung natürlicher oder künstlicher Gegenstände, „die zeitweise oder endgültig aus dem Kreislauf ökonomischer Aktivitäten herausgehalten werden, und zwar an einem abgeschlossenen, eigens zu diesem Zweck eingerichteten Ort, an dem die Gegenstände ausgestellt werden und angesehen werden können“.

Mit der Aufnahme in eine Sammlung erfährt ein Objekt eine Wertung im doppelten Sinne: Eine Aufwertung, weil es über andere Dinge, die nicht Teil einer Sammlung sind, erhoben wird, eine Umwertung, weil es aus einem Gegenstand des Gebrauchs zu einem der Anschauung wird. Obwohl den Objekten jeglicher Gebrauchswert verloren geht, bleibt ein Tauschwert vorhanden, der häufig höher ist als der eines praktischen Gegenstandes. Diesen Wert erklärt sich Krysztof Pomian im ideellen Wert des Sammelobjekts, das als Kommunikationsmittel zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren fungiere. Das Objekt repräsentiert somit beispielsweise das Ferne, das Mystische, das Vergangene oder Unbekannte. Diese Funktion als Mittler zwischen zwei Welten haben laut Krzysztof Pomian alle Sammlungsobjekte gemein. Die Reliquien, die als Medium zwischen der irdischen und der göttlichen Welt dienen, Kunstwerke, die den Betrachter an einem vergangenen Moment oder der Phantasie eines Künstlers teilhaben lassen, oder Exotika, die als Zeugnisse einer anderen Kultur Ferne repräsentieren.

Anke te Heesen sieht in der Sammlung mehr als einen Ort der Visualisierung der Objekte, da die Sammlung stets auch eine soziale Funktion gehabt und Machtbestrebungen gedient habe. Die prestigeverleihende Eigenschaft einer Sammlung zeigt sich in mehreren Aspekten. Zum einen bedarf es eines finanziellen Überschusses, um Gegenstände dem ökonomischen Kreislauf zu entziehen, zum anderen zeugen Sammlungen von Geschmack, der intellektuellen Neugier und dem Forschungsdrang ihres Besitzers.

Die ersten Sammlungen befanden sich im Besitz religiöser Institutionen und der staatlichen Obrigkeiten. Im antiken Griechenland waren das die Sammlungen, die durch Opfergaben in den Tempeln entstanden, und in Rom, die durch Kriegsbeute zusammengetragenen Schätze der römischen Kaiser. Im Mittelalter war es die christliche Kirche, die durch die Verbreitung des Heiligenkults den blĂĽhenden Handel mit Reliquien auslöste. Den Reliquien – Körperteile beziehungsweise Gegenstände, die in BerĂĽhrung mit einer Gestalt aus der Geschichte der Heiligen gekommen waren – wurden heilende und schĂĽtzende Kräfte nachgesagt. DarĂĽber hinaus heiligten sie den Ort, an dem sie sich befanden, und sorgten fĂĽr den Beistand der Heiligen. Kirchen und Klöster, aber auch Adelige beteiligten sich an der Jagd nach Reliquien, die nach den KreuzzĂĽgen und dem erleichterten Zugang zum Nahen Osten einen Höhepunkt fand. In eigens zu ihrer Verwahrung gefertigten Schreinen wurden sie bei religiösen Zeremonien ausgestellt oder auf Prozessionen mitgefĂĽhrt. Die Gläubigen reisten oft von weit her, um durch die BerĂĽhrung des Reliquienschreins eine Heilwirkung, Linderung oder Wohlergehen zu erfahren. Doch nicht nur Reliquien waren begehrte SammlungsstĂĽcke, auch kostbare Gefäße, Juwelen und Objekte sagenhafter Herkunft – Gegenstände, die die Schönheit Gottes Schöpfung widerspiegelten – wurden durch KirchenfĂĽrsten, Kardinäle, Bischöfe, Ă„bte  und  Adelige gesammelt.

Für die Ausdehnung der Sammeltätigkeit im 16. Jahrhundert waren mehrere Faktoren ausschlaggebend. Mit der Entdeckung und der Erforschung neuer Kontinente machte sich ein Forschungsgeist breit, der aus dem Schatten der Lehre antiker Schriften trat. Die Entdeckung der neuen Welt hatte viele Fragen aufgeworfen, auf die die alten Schriften keine Antworten zu geben wussten, und technische Neuerungen im Bereich des Buchdrucks und des Schiffbaus hatten den Austausch von Waren und Informationen erleichtert. Durch die Erschließung neuer Kolonien und neuer Handelsrouten hatten es im 16. Jahrhundert einige Staaten, unter ihnen Venedig und die Niederlande, zu beachtlichem Reichtum gebracht. Ein finanzieller Überschuss, der eine wichtige Voraussetzung für das Aufblühen der Sammelkultur darstellte, hatte sich in einigen Gesellschaftsschichten gebildet. Nun waren es nicht nur der Klerus und Adel, die private Sammlungen anlegten, sondern auch die Gelehrten und die wohlhabende Patriziergesellschaft. Das private Kuriositätenkabinett, in dem Naturalia, Raritäten und Exotika – Boten einer fernen Welt – dargeboten wurden, gehörte für den gebildeten Patrizier der Renaissance bald zum guten Ton. Interesse fanden gerade die Objekte, die in der aktuellen Ordnung der Welt noch keinen Platz gefunden hatten: Einhörner, Drachen und anderes Kurioses, „deren mögliche Existenz anzunehmen Ausweis von Wissenschaftlichkeit war“. Sammlungsobjekte aus Kunst und Wissenschaft, Exotika, Antiquitäten und Naturalia wurden Kennzeichen einer sozialen Zugehörigkeit und für die Machthabenden Symbole ihrer Überlegenheit.

Eine weitere zeitgeschichtliche Komponente spielte eine Rolle bei der Bildung privater Sammlungen: War das mittelalterliche, christliche Denken auf das Leben nach dem Tod gerichtet gewesen, fand im 16. Jahrhundert eine Hinwendung zum Diesseitigen statt. Kunst und Literatur thematisierten die Vergänglichkeit aller Dinge. In Vanitas-Stillleben wurden drapierte Gegenstände durch Sinnbilder der Endlichkeit ergänzt – Sanduhren, Totenschädel und erloschene Kerzen. Die Fokussierung auf das irdische Leben legitimierte das Sammeln als Ausdruck praktischer Theologie – die Suche nach dem Göttlichen in seiner irdischen Schöpfung. Die Sammlung beinhaltete auch den Wunsch ihres Besitzers nach einem Stück individueller Ewigkeit. Dem gleichen Wunsch folgend, gaben Fürsten und Staatsoberhäupter Bilder in Auftrag, die ihre Heldentaten für die Nachwelt sichtbar machen sollten und in Sammlungen aufbewahrt wurden.

Bis ins 17. Jahrhundert hinein, existierten Sammlungen meist nur im Privaten. Ihr Zugang beschränkte sich auf eine bestimmte Gruppe der Bevölkerung, dem Großteil der Öffentlichkeit blieb er jedoch verschlossen. Eine Ausnahme bildeten lediglich die kirchlichen Sammlungen. Es waren die Mitglieder des Bürgertums, die im 17. und 18. Jahrhundert begannen Druck auszuüben und die die Entstehung erster öffentlicher Bibliotheken, im 18. Jahrhundert auch öffentlich zugänglicher Museen erwirkten.

Ein Wandel im Sammlungswesen wurde mit dem Einsetzen der Aufklärung und dem Aufstieg der Akademien spürbar. Hatten die chaotischen und universellen Sammlungen des 16. und 17. Jahrhunderts versucht, die Grenzen des Wissens in Frage zu stellen, so hatten die Sammlungen des 18. Jahrhunderts einen wissenschaftlich systematisierten Ansatz, der genaue Kategorisierung und Ordnung vorsah. Dinge sollten entsprechend ihrer hierarchischen Stellung oder zeitlichen Abfolge geordnet werden. Sammlungen spezialisierten sich zunehmend auf Teilgebiete und setzten sich eine umfassende Klassifizierung der Natur und Kunst zum Ziel, die jedem Objekt seinen Platz im System zuweisen sollte. Innerhalb von 200 Jahren waren die chaotischen Wunderkammern, in denen Monstrositäten und Mythen ihren Platz gefunden hatten, einer Wissenschaftlichkeit und Systematik gewichen, welche die Annahme illustrierte, dass nichts mehr außerhalb des menschlichen Verstandes lag.

Im 19. Jahrhundert wurden Museen und Sammlungen zu festen kulturellen Institutionen, die zunehmend einen erzieherischen und volksbildenden Charakter erhielten. Museen wurden zu einem politischen Instrument, das es der Regierung erlaubte, die nationale Geschichte in ein glorreiches Licht zu rücken oder neu zu schreiben. Nationalmuseen veranschaulichten die Traditionen und Volkskultur eines Landes, das sich nicht selten selbst an die evolutionäre Spitze stellte – „die Nation (…) bringt sich selbst eine permanente Huldigung dar, indem sie ihre Vergangenheit (…) feiert“.

Welche Bedeutung Museen und Sammlungen zum Ende des 20. und Beginn des 21. Jahrhunderts haben, zeigt sich an ihrer derzeitigen Beliebtheit. Heute kommt ihnen nicht mehr  nur eine bildende und aufklärende Funktion zu, vielmehr erlangen die Ausstellungen zunehmend den  Charakter eines Events. Gefragt sind sogenannte Blockbuster, deren Bedeutung an der Länge der Besucherschlangen gemessen wird. Vor diesem Hintergrund ist es erfreulich, dass sich daneben eine Museums- und Ausstellungskultur bilden konnte, die sich gesellschaftlicher Fragen, regionaler Besonderheiten, spezieller Kunstrichtungen und der Vielfalt kultureller Alltagserscheinungen widmet, sodass jenseits der groĂźen Besucher- und Geldströme ein Diskurs ĂĽber den gesellschafts- und bildungspolitischen Stellenwert von Ausstellungen eröffnet wurde.

Dieser Text erschien zuerst in: Berkenbusch, Anna/Fricke, Sarah/Petersen, Lisa/Sievertsen, Lea (Hrsg.): Mitteilungen aus dem Zettelwerk, Halle (Saale) 2015, S.25-27.
Lisa Petersen

Reklamemarke

Wie wertvoll eine Sammlung ist, hängt von ihren Objekten ab. So galt es schon im Mittelalter als besonders erstrebenswert und hoch angesehen, eines der seltenen Einhornhörner sein Eigentum nennen zu können. Ein Exponat, welches von einem so großen Mythos umgeben war, dass selbst naturwissenschaftliche Erkenntnisse zunächst nicht dessen Authentizität anzweifeln ließen.

Es hieß, dass das Horn eine heilkräftigende Wirkung habe. Grund genug aus diesem Becher, hoheitliche Schmuckstücke oder Medikamente herzustellen. Die wilde und scheue Art des selten vorkommenden Tieres machte die Beschaffung des Horns besonders schwierig und den Besitz umso wertvoller. Im Physiologus, einem anonymen Text der Spätantike, wurde das Bild geprägt, dass nur eine Jungfrau das eigensinnige Tier zähmen könne. Eine Szene, die lange in Illustrationen aufgegriffen wurde.

Die Illustratoren stellten die Existenz des Einhorns in keiner Weise in Frage, sondern festigten mit ihrer Kunst den Glauben an das Fabelwesen in der Gesellschaft. Verschiedene Reiseberichte aus fernen Ländern sorgten dafür, dass das Einhorn wiederholt bildlich dargestellt wurde. Letztlich nahmen sogar Verfasser naturkundlicher Werke das Einhorn in ihre Titel auf. Nicht einmal die Wissenschaft zweifelte den Ursprung des Horns mehr an.

Der naturwissenschaftliche Fortschritt führte aber auch zu neuen Kenntnissen über andere Lebewesen wie zum Beispiel den Narwal, der als gehörnter Fisch bekannt wurde. Ein spiralförmiges Horn zierte seinen Kopf. Eine Verbindung zwischen diesem und der in den Sammlungen vorhandenen Hörnern des Einhorns wurde dabei übersehen. Beide Tiere erhielten ihre absolute Berechtigung in zoologischen Publikationen und wurden sogar in gemeinsamen Kategorien erwähnt.

Als schließlich der Grönlandexperte Ole Wurm einen Narwalzahn mitbrachte und somit ein direkter Vergleich mit den vermeintlichen Einhörnern stattfinden konnte, wurde zum ersten Mal die Existenz des Tieres widerlegt. Eine Erkenntnis, welche aber keinesfalls sofortige öffentliche Zustimmung fand. Man wollte den Mythos um das wundersame Tier nicht einfach aufgeben. Auch ein späterer Knochenfund bei Quedlinburg wurde als Beweis eines einst real existierenden, aber schon ausgestorbenen Wesens gedeutet, dem Einhorn. Unter Sammlern waren die Fossilien direkt begehrt. Im Jahr 1758 veröffentlichte Carl von Linné die erste wissenschaftliche Beschreibung des Narwals. Der Bericht klärte die wahre Herkunft des Einhorns und räumte mit den Mythen auf. Dem Horn wurde seine heilkräftigende Wirkung abgesprochen und das Exponat als Sammlerobjekt verlor an Wert und Einzigartigkeit. Man kann vermuten, dass gerade deswegen so lange an dem Mythos um die Existenz des Einhorns festgehalten wurde, schließlich war der Wert der eigenen Sammlung in Gefahr.

Dennoch ist der Wunsch nach dem Glauben an das Einhorn, auch nachdem die Wahrheit ans Licht kam, nicht ganz verschwunden. Es erlebt eine Wiedergeburt im modernen Zeitgeist. In jedem Spielzeugladen gehört es zum festen Bestandteil des Sortiments, aus Märchen und Fantasygeschichten ist es nicht wegzudenken. In Filmen und Comics wird es zur Hauptfigur oder flimmert uns auf den Bildschirmen entgegen – singend, glitzernd und auf einem bunten Regenbogen galoppierend.

 

Helas, Philine: Der „See-Einhorn-Fisch“. Ein Tier zwischen Legende und Naturwissenschaft, in: Assoziationsraum Wunderkammer, Halle 2015

 

Dieser Text erschien zuerst in: Berkenbusch, Anna/Fricke, Sarah/Petersen, Lisa/Sievertsen, Lea (Hrsg.): Mitteilungen aus dem Zettelwerk, Halle (Saale) 2015, S.44-45.
Anne Sievertsen

Verpackungspapier

Ich erinnere mich an das Jahr 1934, wenn ich dieses Papier in die Hand nehme. Damals war ich fĂĽnf Jahre alt. Ich hatte Scharlach und wurde fĂĽr vier Wochen zur Erholung geschickt. Vater musste auch einige Male zur Erholung und schickte mir von dort immer Post. Deswegen musste ich schnell lernen, ihm Dankesworte zu schicken, und meine Tante Magda, die damals bei uns lebte, ĂĽbte mit mir. Auf der Fahrt in das Erholungsheim lernte ich einen Jungen namens Klaus kennen. Er war in einem anderen Heim, aber auf der Hinfahrt mit dem Zug hat er die ganze Zeit auf mich aufgepasst.

In dem Heim war alles ein bisschen primitiv. Ein großer Schlafraum, ein Klo. Während der vier Wochen Aufenthalt hatte meine Tante mir einmal ein Paket geschickt, da war ein Ball drin. Der war hellblau mit goldenen Sternen, das weiß ich noch ganz genau. Und dann hatte ich damit, ich war ja noch ansteckend und musste immer für mich alleine auf dem Balkon bleiben, gespielt und der Ball fiel runter. Ich durfte gemeinsam mit der Erzieherin runtergehen und ihn suchen, aber dann war er weg. Da hatte ihn gleich jemand geschnappt. Eine Nacht war so ein fürchterlicher Sturm und am Strand war sehr viel kaputt gegangen. Unser Heim war direkt hinter einer Mauer und am nächsten Morgen waren unsere Betten ein ganzes Stück von der Wand weggerückt. Wir wurden morgens alle wach und guckten uns diese Lücke zwischen Bett und Wand an.

Ich war mal mit Mutter in Hamburg davor, aber sonst verreisten wir nicht. Nur einmal sind wir mit unserer Nachbarsfrau, sie hatte auch zwei Kinder, mit den Rädern nach Flensburg gefahren und dann mit dem Schiff rüber nach Glücksburg. Das war ein Ereignis zu der Zeit, so weit kam ja fast keiner, Bauernkinder schon gar nicht.

Ich bekam während der Erholung keinen Besuch. Das konnte sich keiner leisten und alle hatten auch zu Hause viel zu viel zu tun, da hatte keiner Zeit dazu, wegen unserem Laden und der Landwirtschaft. Der Vorbau für unseren Laden war damals aus Holz, es gab eine Veranda und da war ein großer Kanister mit einer Pumpe, in der Petroleum drin war. Da hatten ja noch viele hier keinen Strom und wir belieferten alle. Das brauchten ja alle für ihre Lampen oder die Laternen in den Kuhställen. Es war immer ein Schweinkram, wenn wir auf Tour fuhren mit diesen Kannen, die hatten manchmal nicht so dichte Schrauben und es gab ja noch keine Plastiktüten. Ich erinnere mich an die Anlieferung und an das Pferdegespann. Zwei tolle schwere Pferde mit Messinggeschirr. Ganz wunderschön. Oma gab dem Fahrer immer ein Frühstück. Deutsches Beefsteak, eigentlich gebratenes Hackfleisch. Nachher wollte ich das immer zu Weihnachtsabend haben, das muss für mich etwas ganz Besonderes gewesen sein. Im Laden musste ich erst später mithelfen, so mit 14, aber zuerst waren meine Tante und meine Oma da und deshalb war das nicht nötig. Wir Kinder hier in Westerholz haben viel gespielt, Hütten im Holz gebaut und all so Kram. Da fuhren hier noch keine Wagen, wir konnten überall rumlaufen und keiner musste Angst haben, dass etwas passierte. Das war so viel Freiheit hier.

Ich war aber nicht traurig, als ich dann in die Schule musste. Ich hab mich so auf die Schule gefreut. Ich bin mit ganz groĂźen Erwartungen hingegangen und hatte auch immer Lust. Neulich hab ich ein Heft meiner Lehrerin gefunden, die schrieb immer Gedichte oder Geschichten fĂĽr uns zum Geburtstag. Das war immer ein Ereignis. Morgens kam sie mit einer kleinen goldenen Glocke. Sie ging durch die Klasse und klingelte bei dem, der Geburtstag hatte, ĂĽber dem Kopf und es wurde ein Lied gesungen. Das vergaĂź sie nie.

Damals war Beiderwandstoff modern, das war ein Webstoff. Er war schön warm und aus reiner Wolle. Man brauchte hier ja warme Kleidung. Ich hatte einen neuen Trägerrock gekriegt, der war grün und schwarz und gelb und weiß gestreift. Da kam ich einen Tag mit meinem neuen Rock zur Schule und da hatte meine Lehrerin genau den gleichen Rock an. Komisch, dass man sowas Nebensächliches nicht vergisst. Das muss im ersten Schuljahr gewesen sein.

Auch Schreibenlernen war nicht schwierig. Vorher übte ich mit Tante Magda Buchstaben und auch das ABC konnte ich ganz früh, sie brachte es mir mit einem Reim bei. Aber den weiß ich nicht mehr. Tante Magda hat erst sehr spät geheiratet und hatte viel Zeit für mich, als ich ein kleines Kind war. Sie brachte mir auch das Sticken bei. Das Nähgarn gab es bei uns im Laden zu kaufen, es wurde ja damals alles noch von Hand genäht. Vom Gögginger Nähgarn habe ich heute noch die Kisten, die damals in unserem Laden standen, in denen ich Dinge wie Kerzen aufbewahre und einige der alten Garnrollen.

Dieser Text erschien zuerst in: Berkenbusch, Anna/Fricke, Sarah/Petersen, Lisa/Sievertsen, Lea (Hrsg.): Mitteilungen aus dem Zettelwerk, Halle (Saale) 2015, S.18-19.
Prof. Anna Berkenbusch

Rechnungsblock

Beim Stöbern in meiner Alltagsdrucksachensammlung fiel mir neben dem Blatt mit den Gestaltungsrichtlinien für die Mitteleuropäische Schlafwagen- und Speisewagen-Aktiengesellschaft von 1986 auch ein kleines graues Blöckchen in die Hände, ein Mitropa-Rechnungsblock. Winzig im Format, kein Platz für üppige Gelage; grau und rau das Papier, und doch irgendwie fein mit roter Farbe bedruckt. Ob das Fundstück aus dem Speisewagen oder Autobahnraststätte stammt, kann ich nicht sagen. Für mich ist der Begriff unabdingbar mit der Transitstrecke von Helmstedt nach Berlin verknüpft; denn hier, nach langen Stunden des Wartens und Dahintuckerns auf holprogen Schlaglöcher-Straßen, gab es dann oft notgedrungen eine Pause in einer der Mitropa-Autobahnspeisegaststätten in Michendorf oder Magdeburg-Börde.

Hier wurden Speisen mit exotischen Namen wie Soljanka, Borscht oder Schnitzel Zigeunerart serviert, und meistens musste man warten, bis man gesetzt wurde, selbst wenn das Lokal gähnend leer war. Wagemutige, die sich einfach an einen leeren Tisch setzten, wurden mehr als grob zurechtgewiesen. Oft schätzen, von welchen Umständen eine schnelle oder langsame Bedienung abhing. Die Stimmung wirkete immer etwas gedämpft, niemand lachte oder sprach laut, alle duckten sich irgendwie weg. Die wenigen DDR-Bürger, die dort aßen, ignorierten wir mit verstohlener Neugier und umgekehrt.

Wenn der Laden komplett leer war, erschien mir die Atmosphäre am düstersten und meistens fühlten wir uns seltsam erleichtert, wenn wir nach dem Essen wieder im Auto saßen. Ich war jung, mit Freunden auf dem Weg nach Berlin, und wusste nicht viel über die DDR. Aber ein merkwürdiges Gefühl ist heute noch für mich mit der Erinnerung an die Mitropa-Gaststätten verbunden: eine diffuse Mischung aus Abenteuer und Bedrohung, mit der man sich die Ein- und Ausreise nach Berlien verdienen musste. Im Mitropa-Speisewagen saß ich damals nicht oft, aber ich erinnere mich die dunkelroten Waggons, das Mitropa-Geschirr und die Verpackungen, die nach dem Corporate Design der Mitropa gestaltet waren und mittlerweile leidenschaftlich gesammelt werden. Heute weiß ich, dass es die Mitropa schon seit 1916 gab und dass es sich folglich gar nicht um eine DDR-Marke handelte. Neben den Autobahnrestaurants gab es viele weitere Gastronomieunternehmungen (wie die Bewirtschaftung von Hotels, Kiosken, Schiffen, Bahngasthöfen), darüber hinaus sogar Mitropa-Frisöre und Reinigungsbrigaden.

Auf dem eingangs erwähnten Blatt über die Anwendungsmöglichkeiten der Marke wurden festgelegt, dass das Zeichen in den Farben »Rot UM 103 und Gelb UM 113 lt Uniset-Farbmischblock« mit verschiedenen Outlines, auch negativ in schwarzen Balken oder in roter Fläche, angewendet werden drufte. Das Bildzeichen der Mitropa, das auf dem kleinen Block gar nicht auftaucht, hat hier ein Rad mit sechs Speichen und stattdes ursprünglichen Adlers (mit Schwingen in Form eines Versal-M) nur das große M in der Mitte. Das zeichen wurde nach dem zweiten Weltkrieg modifiziert und ohne Adlerkopf über dem M weitergeführt. Das vierspeichige Rad unter dem M bekam noch weitere Speichen, damit es auch nicht im Entferntesten an ein Hakenkreuz erinnert.

Ein an die Mitropa-Schrift angelehnter Font, die FF Pulman, wurde 1997 von Johannes Erler digitalisiert und ist bei Fontshop erschienen; die ursprüngliche Schrift stammte von Karl Schulpig, der auch der Gestalter der Bildmarke war. Auf dem Blatt zur visuellen Erscheinung der Mitropa heisst es u.a. auch: »Die Richtlinie wendet sich nicht nur an jene, die in der Werbung und Öffentlichkeit tätig sind, oder an Mitarbeiter, die durch ihren täglichen Kontakt mit den Gästen und Reisenden wesentlich zur Rufbildung des Betriebes beitragen«.

Wahrscheinlich lag dem strengen Service-Personal in den Mitropa-Autobahnrastgaststättem damals noch keine Richtlinie über kundenfreundliches Verhalten vor. Die Rufbildung entsteht eben doch nicht nur durch ein kleines feines Mitropa-Blöckchen mit einer interessanten Schrift.

 

Albert Mühl: 75 Jahre Mitropa - Die Geschichte der Mitteleuropäischen Schlafwagen- und Speisewagen Aktiengesellschaft, Freiburg 1992

Johannes Plass/Heinrich Paravinci: Wer war eigentlich Karl Schulpig? Ăśber die Entwicklung der Bildmarken, in: Jahresheft des ADC: Sushi 6, Mainz 2004, www.mitropa-freunde.de
Dieser Text erschien zuerst in: Berkenbusch, Anna/Fricke, Sarah/Petersen, Lisa/Sievertsen, Lea (Hrsg.): Mitteilungen aus dem Zettelwerk, Halle (Saale) 2015, S.40-41.
Ferdinand Ulrich

PlastiktĂĽte

Mit Motiven und Logos versehene Tüten machen einen beachtlichen Teil alltäglicher Drucksachen aus. Sie sagen etwas über unsere Gesellschaft und ihre Kultur aus. Nachdem wir sie ein paar Mal benutzt haben, verschwinden sie meist wieder, indem sie unseren Abfall vermehren. Das vorliegende Exemplar ist mir im Frühjahr 2012 während eines Aufenthalts in San Francisco in die Hände gefallen. Zur Beschaffenheit, Botschaft und grafischen Gestaltung der Plastiktüte einige Anmerkungen:

In einem amerikanischen Supermarkt zur Kasse vorgedrungen, erhält der Kunde die berühmte Frage »plastic or paper«. In die braunen Papiertüten passt deutlich mehr hinein, sie sind belastbar und reißen kaum, haben jedoch keine Henkel, ganz im Gegensatz zu den dünnen Plastiktüten, die sich für den kleinen Einkauf eigenen. Die sogenannten >carryout t-shirt plastic bags< sind mit drei Löchern ausgestattet. Durch diese hängen sie auf einer Vorrichtung und werden wue Zettel von einem Notizblock abgerissen (der ganze Stapel hat due Form eines T-Shirts), um zum Beispiel eine Gallone Milch hineinstellen zu können. Das übernehmen College-Stunden am Ende der Kasse, die bei Safeway, Giant Eagle und Co. einen Dollar dazuverdienen und schließlich einen »großartigen Tag« wünschen.

Wie viele kleine Erfindungen des Alltags, so ist auch dieses Produkt in den Vereinigten Staaten gleich mehrfach patentiert. Der Verpackungshersteller Sonoco Products Co. in South Carolina hat 1994 eine Kreation der Erfinder Beasley, Fletcher und Wilfong unter dem Kürzel US 5335788 A eintragen lassen: »A plurality of stacked t-shirt type hight density polyethylene film bagy releasably adhered together.« (1)

Advance Polybag, Inc., einer der großen Tütenhersteller der Vereinigten Staaten, versichert mit einem auf dem Patent beruhendem Design, dass sich Touch-N-Go nennt: »Makes check-out a smoother experience.« (2) Das Produkt sei ein Fliegengewichtaber kräftig, wiederverwendbar und angeblich eunendlich oft »recyclebar«, was schwer vorstellbar ist. Die Tüte besteht aus HDPE (high-density polyethylene, Kunststoffidentifikationscode >2<), eine Thermoplastikstoff der Petroleum gewonnen wird und auch bei herkömmlicheer 3D-Drucker-faser zum Einsatz kommt. Beim nächsten Einkauf also doch lieber eine Papiertüte.

Die Botschaft auf der Tüte erkennen wir an den Reden amerikanischer Politiker wieder, insbesondere den präsidialen Ansprachen zur Lage der Union (State of the Union Address). God bless Ameica ist ursprünglich der Titel eines patriotischen Liedes des Musikers Irving Berlin (eigentlich Israel Isidore Berlin) 1918 geschirben und zwanzig Jahre später bearbeitet. Die bekannteste Version wurde von Akte Smith gesunden, wobei das Lied bis heute immer wieder neu aufgelegt wird. Es hat sich zu einer zweiten (inoffiziellen) Nationalhymne entwickelt. Im April 1979 war Richard Nixon der erste Präsident das Zitat nachweislich in seine Rede einbaute. (3).

Zum Höhepunkt der Watergate-Affäre bat er das amerikanische Volk: »I ask for your prayers to help me in everything I do throughout the days of my presidency« und fügte anschließend die berühmten Worte hinzu. Reagan nutzte sie, und besonders häufig haben wir sie von Georg W. Bush in Erinnerung – doch auch sein Nachfolger steht ihm in dieser Hinsicht in nichts nach.

Bei den >Stars and Stripes< hat der Grafiker ganz offensichtlich geschlafen oder nicht genau hingesehen. Die mittels Flexodruck (ein Hochdruckverfahren mit Rollenrotation) aufgetragene Welle in der wehenden Fahne ist missglückt, sie ähnelt eher einem Hügel und die Falten sind sehr unsauber gezeichnet. Vom Schriftzug ganz zu schweigen, wobei die Schriftwahl vielleicht gar nicht so ungewöhnlich ist. Es handelt sich hierbei um die ITC Zapf Chancery Medium Italic von 1979. In dem langen Nahmen stecken einige Informationen.

Mit dem Fotosatz, der die Lettern aus Blei ablöste und seit den 1960er Jahren immer größere Verbreitung fand, wurde das Fälschen von Schriften ein Kinderspiel. Eine Fotokamera reichte aus, um ein Alphabet festzuhalten und daraus einen neuen Schriftzug zu generieren, ohne jedoch dafür zu zahlen. Besonders betroffen von dieser Form der Piraterie war der deutsche Schriftentwerfer Hermann Zapf. Einige Jahre zuvor hatter er sich aus dem Business zurückgezogen und nur noch Aufträge für Exklusivschriften entgegengenommen. Die Regierung der Vereinigten Staaten half nicht beim Copyright-Schutz von Schriften, Namen ließen sich jedoch als Marken registrieren. (4) So entwickelte der New Yorker Schriftenbetrieb International Typeface Corporation ein ausgeklügeltes System: ihre registrierten Schriftnamen setzten sich aus dem Kürzel der Firma (ITC), oft auch dem Namen des Schriftentwerfers (Zapf) und dem eigentlichen Namen der Schrift (Chancery) zusammen. Chancery leitet sich in diesem Kontext aus einer berühmten kalligrafischen Handschrift der Renaissance ab: cancellaresca.

In der berĂĽhmten ITC-Hauszeitschrift Upper and lower case (U&lc, dt. GroĂź- und Kleinbuchstaben), widmete man sich der ITC Zapf Chancery im Jahr ihres Erscheinens einen Artikel samt einer achtseitigen Schriftmusterstrecke. Die EinfĂĽhrung Pow! Bam! Zapf! stammt vom bedeutenden amerikanischen Grafikdesigner, Schriftgestalter, ITC-GrĂĽnder und U&lc-Herausgeber Herb F. Lubalin. In seiner Lobeshymne auf die Schrift schreibt Lubalin in ĂĽberschwänglicher Sprache: »Hermann Zapf […] has designed what ITC believes to be an effective chancery script, showing itself through Zapf’s virtuosity to be more capable of becoming a universally recognized hand than, perhabs, any other.« (5)

Erkannt und auserwählt hat zumindest Steve Jobs die ITC Zapf Chancery – genau genommen den halbfetten Schnitt kursiv, medium italic – als 1985 eine Handvoll Schriften für den Apple LaserWriter zusammenstellte. Spätestens seit seiner Rede auf der Stanford-Abschlussfeier 2005 wissen wir, dass Jobs’ Teilnahme an einem Collegekurs in Kalligrafie ihn dazu bewog, den ersten Mac mit zahlreichen Schriften auszustatten.

Als Systemschrift fand >Chancery< schneller Verbreitung und galt als generische Vertreterin für eine >kalligrafische Lösung<. Aus der achtseitigen Schriftmusterstrecke zur ITC Zapf Chancery in der U&lc-Ausgabe sei noch eine fiktive Anwendung erwähnt: Visitenkarten und Briefkopf für ein Unternehmen mit einem besonderen Geschäftsmodell: »Spezialising in flags«.

(1) www.google.com/patents/US5335788 (23.6.2015)
(2) Advance Polybag, Inc: www.apicorp.com, (28.6.2015)
(3) Billy Hallowell: The history behind U.S. presidents using 'God Bless America' in official speeches, 2014 veröffentlicht auf: www.theblaze.com (23.6.2015)
(4) Jerry Kelly: About more alphabets, The types of Hermann Zapf, New York 2011, S.55
(5) Herb Lubalin: Pow! Bam! Zapf! or, how to get the most out of ITC Zapf Chancery, in: Upper and lower case. The International journal of typographics, Ausg. 6, Nr. 2, New York 1979, S.36
Dieser Text erschien zuerst in: Berkenbusch, Anna/Fricke, Sarah/Petersen, Lisa/Sievertsen, Lea (Hrsg.): Mitteilungen aus dem Zettelwerk, Halle (Saale) 2015, S.46-49.